Werde ich nur älter oder wird München immer voller?

© Anna Rupprecht

In Print-Zeitschriften gehört es dazu, dass der Herausgeber auf der ersten Seite die Stimmung, Meinung oder Richtung der jeweiligen Ausgabe einfängt. Warum gibt es das auch nicht online?, haben wir uns gefragt. Denn genauso schwirren jede Woche Gefühle, Stimmungen und Meinungen durch München, die wir zwar mitbekommen, aber nirgends festhalten. Diese Kolumne ist der Platz, an dem ich all meine Gedanken zu München und dem, was mir diese Woche in der Stadt begegnet ist, sammle. Heute: Anja träumt von einer Ruheoase fürs Wochenende.

Noch nie war meine Sehnsucht nach einem Balkon oder einem eigenen, kleinen Garten so groß wie in diesem Frühling. Nach einem Ort, für den ich keine sieben Sachen packen und an den ich extra hinradeln muss. An dem ich einfach sein kann, alleine, ganz unbeobachtet. Es ist ja nicht so, dass ich das nicht alles liebe: München – die Sommer-Edition, in das man sich jedes Jahr aufs Neue verknallt. Aber manchmal, vor allem nach einer sehr vollen Woche, ist es auch anstrengend – Freizeitstress, Sommerstress, raus vor die Türe und überall geht's so zu.

Und so versuche ich mittlerweile an den warmen Wochenenden nur noch dem Trubel aus dem Weg zu gehen. Azyklisch zu planen.

Ich weiß nicht, ob ich einfach älter und langweiliger werde. Ob ich mehr Ruhe brauche als früher, ob es mir noch vor ein paar Jahren nicht aufgefallen ist, wie voll alles ist, sobald die Sonne scheint und es über 20 Grad hat – oder ob es in München tatsächlich immer mehr Menschen werden. Ob die Isar der neue Eisbach ist. Der Flaucher der neue Ballermann. Ob sich der Trubel immer mehr ausbreitet. Dass man an schönen Tagen die Maxvorstadt und das Glockenbach meiden sollte, weiß man als ruhesuchender Münchner längst, aber dass es mittlerweile auch fast alle anderen Viertel sind, ist doch neu, oder?

Und so versuche ich mittlerweile an den warmen Wochenenden nur noch dem Trubel aus dem Weg zu gehen. Azyklisch zu planen. Streetfood Market in Untergiesing, dann lass' ins Dreimühlenviertel in ein leeres Café in einer Seitenstraße. Isar-Ballermann-Wahnsinn, dann suchen wir lieber eine entspannte Ecke im Rosengarten. Alle fahren raus zum Sonntagsausflug, dann lass' lieber in der Stadt bleiben und an der Großhesseloher Brücke spazieren gehen.

Vielleicht braucht es also genau das: Ein Wochenenddomizil, eine Ruheoase – ganz egal, ob das ein sechs Quadratmeter großer Balkon oder eine Sharing-Hüttn irgendwo im Nirgendwo ist.

Das ist schade, weil einem so natürlich auch ein paar Sachen verwehrt bleiben, aber Ausflüge oder Isar-Sonnenbaden mache ich nur noch unter der Woche – keine Chance. Da kriegen mich an einem Samstag keine zehn Pferde mehr hin. Auf der anderen Seite kann ich auch nicht raus aus meiner Haut – und wenn man weiß, was einem am besten tut, sollte man dem halt auch folgen.

Das entspannendste Wochenende in diesem Jahr waren tatsächlich meine Offline-Tage am Hofgut Hafnerleiten – ohne viele Menschen, ohne Internet, ohne Handy. Ich habe gelesen, gut gegessen und aufs Wasser geguckt. Und nach den Tagen war ich nicht nur die Ruhe selbst, sondern auch wieder fürs Stadtleben gewappnet. Vielleicht braucht es also genau das: Ein Wochenenddomizil, eine Ruheoase – ganz egal, ob das ein sechs Quadratmeter großer Balkon oder eine Sharing-Hüttn irgendwo im Nirgendwo ist. Wow, jetzt bin ich also offiziell alt.

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