Von Neukölln nach Untergiesing: Münchner Mythen – die Hotpants-Zwillinge

© Anna Rupprecht

Spätestens, als unsere Autorin Johanna aus Neukölln mit dem Transporter in die neue Straße in Giesing einbiegt, ist ihr klar: Das hier wird anders. In ihrer Kolumne "Von Neukölln nach Untergiesing" schreibt sie nun jede Woche auf, wie sie München kennenlernt und welche Unterschiede ihr besonders auffallen. Was sie liebt (den V-Markt!), was sie hasst (kein günstiges Schawarma hier!) und warum München manchmal doch gar nicht so anders ist als Berlin.

An der Bushaltestelle vor meiner alten Wohnung an der Neuköllner Sonnenallee saß jeden Morgen etwa zwischen neun und zwölf Uhr ein uralter, adrett gekleideter Mann mit Rauschebart. Er stieg nie in den Bus. Er saß einfach nur da zwischen Polizeipräsidium und Aral-Tankstelle und schaute seelenruhig in diese Szenerie, die eigentlich nur eine Verkehrsinsel, ein muslimisches Bestattungsinstitut und unsere fünftstöckige Hausfront zu bieten hatte.

Das ist die Magie, die Zuhause schafft: Urbane Mythen, großstädtische Fabelwesen, absurde Lokalmärchen.

Es ist und bleibt mir ein Rätsel: Gemütlich irgendwo hinsetzen – klar, aber wieso zur Hölle ausgerechnet an diese grottenhässliche Bushaltestelle und nicht in den Park, der keine zweihundert Meter entfernt ist!? Wir tauften ihn liebevoll „Ghetto-Gandalf“. Irgendwann gehörte er zu meinem Alltag wie das Feierabend-Sterni. Was machte er da bloß? Meine favorisierte Theorie besagt, dass seine Geliebte einmal vor vielen Jahren in den M41-Bus stieg, nie zurückgekehrt ist und er seither verzweifelt auf ihre Rückkehr wartet. Vielleicht hat er aber auch einfach eine große Vorliebe für den Anblick genervter Radfahrer. Ich habe es bis heute nicht erfahren.

Dabei hätte ich hundert Mal die Gelegenheit gehabt, ihn einfach zu fragen – aber das hätte die Magie zerstört. Das ist nämlich die Magie, die Zuhause schafft: Urbane Mythen, großstädtische Fabelwesen, absurde Lokalmärchen. In Neukölln gibt es neben dem Ghetto-Gandalf ein ganzes Ensemble solcher mystischer Gestalten: Den Typen, der immer nachts in hippen Kneipen Schokobons verkauft, den Aktivisten auf seinem Fahrrad, der für das Wahlrecht für Ausländer immer laut brüllend mit seinem Megafon um den Hermannplatz kreist oder den Zeitungsverkäufer mit dem brutalen oberbayerischen Dialekt in der Ringbahn.

Erst wenn man mitspekulieren kann, was es mit diesen Kiezsuperstars auf sich hat, hat man dort wirklich gelebt.

Ich glaube, um in einer Stadt richtig anzukommen, braucht es die Einweihung in diesen urbanen Märchenschatz. Erst wenn man mitspekulieren kann, was es mit diesen Kiezsuperstars auf sich hat, hat man dort wirklich gelebt. Natürlich – und das ist wichtig – ohne jemals die Wahrheit zu erfahren.

In meiner ersten Woche in München wurde ich mit dem Rieseneinradfahrer in der Maxvorstadt bekannt und bekam direkt ein paar Theorien zu dem adrett gekleideten Typen auf dem gefühlt vier Meter hohen Gefährt dargelegt. „Ich hab' gehört, das ist Performance-Kunst“. „Soweit ich weiß ist das einfach sein Hobby. Der will nur angeben!“. Wie ich allerdings später erfahren habe, ist es ein anderer urbaner Mythos, der die gefühlte Einbürgerung in München erst wirklich möglich macht: Eine Sichtung des ultimativen Münchner Mythos, das Duo Infernale Südbayerns – Ladies and Gentlemen, die einzigartigen Hotpants-Zwillinge!

Und man hatte mir nicht zu viel versprochen, als man mir in blumigen Ausführungen von der Absurdität dieses Naturschauspiels erzählt hatte.

Es geschah ausgerechnet auf dem Weg zu meinem ICE Richtung Berlin – ganze acht Monate nach meinem Umzug nach München: Auf dem U-Bahn-Gleis am Hauptbahnhof sah ich sie endlich. Und man hatte mir nicht zu viel versprochen, als man mir in blumigen Ausführungen von der Absurdität dieses Naturschauspiels erzählt hatte. Sie polterten nicht nur laut pöbelnd übers Gleis, sie hatten auch jeweils einen pinken Rollkoffer dabei, trugen Pailetten-Glitzeroberteile und die kürzesten Hotpants, die ich in meinem ganzen Leben gesehen hatte. Mit großen, leuchtenden Augen hielt ich mich an der Freundin fest, mit der ich unterwegs war, und flüsterte „Sie sind es wirklich“. Mein Tag war gerettet und ich offiziell in München angekommen.

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