Sag alles ab – ein Pro für den Katersonntag!

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Ganz egal, ob die Sonne strahlend aggressiv vom Himmel knallt, oder es aus Eimern schüttet, schneit, blitzt und donnert – an einem verkaterten Sonntag ist die erste Amtshandlung, nach dem Erwachen aus dem Delirium die Vorhänge erst einmal fester zuzuziehen. Ist diese, mit einem ordentlichen Kater in der Fresse zugegeben sehr anstrengende Arbeit erst mal vollbracht, legt man sich am besten mit ausgestreckten Extremitäten auf den Rücken und spürt seinen Körper. Wo tut es weh? Überall? Sehr gut, dann hat es einen so richtig erwischt.

Die erste halbe Stunde – des nennen wir es mal „wach seins“ – darf ruhig damit verbracht werden sich von A nach B zu wälzen, vor Schmerz zu stöhnen und sich selbst Vorwürfe zu machen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Selbstmitleid, jammern, Grübelei und Weltschmerz sind nämlich ausdrücklich erlaubt an einem anständigen Katersonntag. An solchen Tagen ist es wichtig, emotional alles raus zulassen was sich in den vergangenen Tagen und Wochen angesammelt hat. Man reißt sich ja schließlich oft genug schon zusammen.

Katersonntag
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Man streicht an diesem Tag einfach das MUSS und ersetzt es durch ein wunderbares KÖNNTE – oder noch besser: durch gar nichts.

Jetzt fragt ihr euch, was für Vorteile sollte ein ordentlicher Katersonntag denn bitteschön haben? Die wichtigsten liegen eh auf der Hand, werden aber dennoch oftmals verkannt: Man streicht an diesem Tag einfach das MUSS  und ersetzt es durch ein wunderbares KÖNNTE – oder noch besser: durch gar nichts. Einige Beispiele: Man muss das Haus und das Bett nicht verlassen, man muss sich nicht anziehen, man muss und sollte auf gar keinen Fall aufräumen oder Sport betreiben. Außer Bettsport, das ist Anti-Kater-förderlich.

Es gibt natürlich auch die Fans des absolut vollgestopften und überambitionierten Sonntagsprogramms, das eine heile Welt verspricht und puren Optimismus und Lebensfreude verbreitet und in der ein ausgewachsener Sonntagskater äußerst unbeliebt, wenn nicht sogar verpönt ist. Es ist auch gut so, dass es diese Menschen mit ihrer Anti-Sonntags-Kater-Haltung gibt.

Endlich hat man für sich selbst eine Ausrede, warum man Veranstaltungen, auf die man sowieso schon keine Lust hat, fern bleiben kann.

Denn man stelle sich nur vor, wir würden in einer Welt leben, in der am Sonntag alle Menschen einen Kater hätten – die Straßen wären leer gefegt, die Welt wäre ein absolut trauriger, versoffener Ort. Andersherum wäre es aber auch nicht ideal, wenn keiner mehr am Sonntag extrem verkatert im Bett vor sich hin vegetieren würde – alle Cafés, Parks, Museen und Restaurants würden zumindest in den Großstädten absolut aus den Nähten platzen. Also kommt es, wie so oft im Leben auf eine ausgewogene Mischung an, die das Gleichgewicht der Welt erhält.

Die „Contra Sonntags-Kater Gruppe“ macht am Sonntag natürlich lauter schöne Sachen: Brunchen, spazieren, Ausflüge, Familienfeiern, Kindergeburtstage. Als kinderloser Mensch, der gerne mal einen über den Durst trinkt, weil es am Wochenende manchmal einfach gar nicht so viel anderes zu tun gibt, bleibt man Brunch und Co. am Sonntag lieber fern. Man möchte ja nicht wankend vor Tante Karin stehen und sich panisch nach der nächsten Toilette umsehen, auf der man sich im Notfall übergeben könnte.

Und auf gar keinen Fall geht man auf Paulines zweiten Geburtstag im schönen Bogenhausen, an dem ihre Eltern in den großen Garten eine tolle Hüpfburg gepackt haben. Da hat man dann eben „Die Grippe“ oder „Magen-Darm“. Ein weiterer Vorteil des Katersonntags, übrigens: Endlich hat man für sich selbst eine Ausrede, warum man Veranstaltungen, auf die man sowieso schon keine Lust hat, fern bleiben kann.

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Jetzt liegt man da also als verkaterter Mensch im Zwielicht – alleine oder mit anderen Menschen. Man weiß nicht ganz genau, wie viel Uhr es ist, man weiß nicht genau über was man gestern eine halbe Stunde mit diesem Typen an der Bar diskutiert hat, man weiß schlichtweg nichts mehr — nur, dass es Zeit wird irgendwas zu essen. Auch auf die Gefahr hin, dass die Nahrung nicht ganz fertig verdaut wird.

Also bestellt man ekelhaftes, fettiges Essen und lässt es selbstverständlich liefern, auch wenn das Restaurant nur 150 Meter weit entfernt ist. Wenn man die Nahrungsaufnahme mit flauem Magen einigermaßen erfolgreich absolviert hat, bleibt für den Rest des Tages nicht mehr so viel übrig auf der nicht vorhandenen To-Do Liste. Außer schlechte Filme, Fernsehsendungen und Videos auf Youtube und Co. zu schauen – gerne auch den ganzen Tag, wenn man zwischendrin nicht wegnickt.

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Menschen, die ihren Kater-Sonntag alleine verbringen und irgendwann in einem Anfall von leichter Katerdepression weder ein noch aus wissen und sich extrem einsam fühlen, ist es an diesem Tag auch mal erlaubt unsinnige, sentimentale WhatsApp Unterhaltungen mit Personen, die sie eigentlich nicht interessieren, zu führen – aber nicht immer. Witzig kann es am Katersonntag auch in der Pärchen-Kombi werden: „Schatz, du ich geh mich noch mal `ne Runde übergeben.“ Jawohl, zeigt euer wahres Gesicht. Wer Liebe gemacht hat oder sich liebt, wird es schon ertragen, wenn der andere ein bisschen reiern muss. Passiert.

Man weiß schlichtweg nichts mehr — nur, dass es Zeit wird irgendwas zu essen.

Wenn man den mehr oder weniger stark ausgeprägten Sonntagskater fast hinter sich gebracht hat und der Tag sich dem Ende neigt, die Schmerzen und die Übelkeit langsam weichen, dann kann man noch einmal demütig innehalten und sich vor Augen rufen: Verdammt nochmal, ich bin nicht unsterblich oder un-kaputtbar und schon gar nicht für immer jung. Ich bin ein zerbrechlicher Mensch, den ein ordentlicher Kater ganz schön wegfegen kann. Und das eint alle verkaterten Individuen in ihrem Schmerz und ist daher am Ende doch irgendwie schön.

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