Nicht Dorf, nicht Stadt – so fühlt man sich als Umlandkind in München

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Es gab da mal eine verdammt coole Stadt. Die war irgendwie fern, aber doch noch erreichbar. Diese Stadt war München. Heute lebe ich in dieser Stadt. Und seitdem ist München nicht mehr ganz so weit weg und deshalb auch gar nicht mehr so aufregend. Der Glanz vergangener Tage ist dahin. Und mit dem Glanz die Faszination. Es gibt viele junge Menschen hier wie mich. Die das Glück hatten, in Münchens Umland aufzuwachsen. Und manchmal auch das Pech.

Zum ersten Mal abgestempelt

Denn begebe ich mich auf Spurensuche, wird mir klar, dass mir der blöde Umlandstempel zum ersten Mal schon im zarten Alter von 16 Jahren aufgedrückt wurde. Sommerabend, Sommerferien und ein Indie-Konzert im Atomic. Die allerbeste Zeit also. Und trotzdem hat sich der eine weniger gute Moment des Abends in meine Erinnerung eingebrannt. Irgendein Typ fragt mich, wo wir herkommen, denn man hat uns die Anreise wohl angesehen.

Ich so: „Umland“. Er so: „Hab’ gehört Umland-Mädchen sind leicht zu haben. Die kommen ja auch nie nach Hause.“ Das war einer der fürchterlichsten Sprüche bis dato und es blieb: Der dringende Wunsch keines dieser angeblich leicht zu habenden Umland-Mädchen zu sein. Das ist aus heutiger Sicht nicht vollkommener Schwachsinn. Denn dieser Schwachsinn traf auf eine schmerzhafte Tatsache: Nach 22 Uhr kamst du tatsächlich nicht mehr zurück aufs Dorf.

Ich so: „Umland“. Er so: „Hab’ gehört Umland-Mädchen sind leicht zu haben. Die kommen ja auch nie nach Hause.“

Wir sind nicht Dorf und nicht Stadt

München, eine der fünf Metroploregionen Deutschlands „bietet höchste Lebensqualität“. Sagen Sie uns. Stimmt ja auch. Deshalb ziehen wir, falls wir es uns leisten können, dorthin. Gerade mal fünfundzwanzig Kilometer von daheim. Dieses Daheim ist meistens eine langweilige Kleinstadt, manchmal auch nur ein Dorf. Meistens nichts Halbes und nichts Ganzes – und genauso fühlen wir uns dann manchmal auch, wenn wir hier ankommen: Nicht ganz. Wir sind nicht Dorf und nicht Stadt.

Und trotzdem geht es uns die meiste Zeit ja auch ganz gut. Denn auch, wenn München dann nach ein paar Monaten viel von seinem mysteriösen Flair verloren hat – Mystik ist ja nicht alles – merken wir: Das Nest ist schon halb-gemacht. Die Straßen auch schon halb-bekannt. Das wird jeder wissen, der sich als Umlandkind zwischen den Vorlesungen an der Uni rumtreibt – hier trifft man genau wie jeder Ur-Münchner mindestens fünf bekannte Gesichter. Und genau wie die Stadtkinder ignorieren wir uns in den meisten Fällen in stillem Einverständnis. Wie in einem geheimen Club und die erste Regel ist: You do not talk about your Dorf-Herkunft. Und die zweite Regel übrigens auch.

Die „Die ist halt nie rausgekommen“-Ecke

Obwohl diese ja alles andere als weit weg ist. Deine Familie ist mit nur einer S-Bahn Fahrt zu erreichen. Das hat natürlich auch Vorteile, es ist bequem und unkompliziert. Und damit könnte man eigentlich zufrieden sein, das wären wir vielleicht auch – wären da nicht die Anderen. Ich habe nämlich das Gefühl, es gibt eine Art sozialen Druck, den Umlandkinder zu spüren bekommen, der nicht unterschätzt werden sollte, oder?

Und obendrein ist es auch noch eine Ecke, in die wir selbst in großkotzigen Momenten diejenigen stecken, die auf dem Dorf geblieben sind.

Das ist natürlich nur First World-Jammerei. Ich bin heilfroh, hier leben zu dürfen und trotzdem fühle ich mich manchmal in eine Ecke gedrängt, in der ich eigentlich ungern stehen möchte. Es ist die „Die ist halt nie rausgekommen“-Ecke. Das Problem mit der Ecke: Gleich neben ihr steht der wahre Kern. Rausgekommen sind auch wir ja wirklich nie so richtig. Und obendrein ist es auch noch eine Ecke, in die wir selbst in großkotzigen Momenten diejenigen stecken, die auf dem Dorf geblieben sind. Das ist ganz schön „Pfui“ von uns und absolut gelebte Doppelmoral.

Wann ist man wirklich ausgezogen?

Aber wann ist man eigentlich wirklich ausgezogen? Kann man unabhängig sein, wenn man es nur vom Ende der S4 bis zum Isartor geschafft hat? Sind Umlandkinder in München nervige Wochenend-Heimfahrer for life? Eine mögliche Lösung des Problems wäre wegziehen – wieder in die Heimat (bitte nicht) oder gleich viel weiter weg. Berlin (Prenzl Berg!!!11) soll ja auch ganz cool sein (bitte nicht).

Kann man unabhängig sein, wenn man es nur vom Ende der S4 bis zum Isartor geschafft hat?

Was bleibt also? Bleiben, natürlich. Und da es vielleicht nur wir selbst sind, die sich für ihre Herkunft verurteilen, müssen auch nur wir selbsr aufhören uns dafür zu verurteilen und uns Druck zu machen. Also, Umlandkinder, stand up for yourself, seht all die tollen Vorteile, die das Umlandkinder-Dasein hat. Und ignoriert einfach jeden, der etwas anderes sagt und sich über eure S-Bahn-Heimat lustig macht. Der ist im Kopf doch immer noch 16 und steht im Atomic.

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