Wie ich in der Valentinsnacht im Awi die Liebe fand und wieder verlor

© Awi

Text: Maximilian Weigl

Herzchenluftballons, Duftkerzen und Rosen überschwemmen das Awi mit ironisch inszeniertem Kitsch. Aus der Soundanlage schießt John Bon Jovi auf mein Herz. Gwen Stefani verbietet mir den Mund und Enrique Iglesias ist der Held des Partyvolkes. Es ist Valentinstag.

Die Songauswahl  und eine Singlerate von 99 Prozent lassen die Stimmung überkochen. So sehr, dass ich die Pärchen der Stadt, die beim Post-Candle-Light-Dinner im Schlafzimmer zugange sind, bemitleiden muss. Zugegeben: Das ist etwas übertrieben. Nicht übertrieben ist, dass der Alkohol schön langsam mein Hirn benebelt. „Noch drei Tequila“, ruft mein Kumpel Markus* mich und David an die Theke.

David hat sich inzwischen von der Vorstellung verabschiedet, morgen im OP-Saal zu stehen und zu assistieren. Man sieht es an seinem entschlossenen Blick, als er Lisas Kopf nimmt und ihr etwas ins Ohr flüstert.

Lisa ist nicht die Frau, für die ich diesen Text geschrieben habe. Wenn diese Frau auftaucht, dann wird man es bemerken. Dann wird es krachen.

Lisa kennt keinen von uns. Sie ist uns wie ein Kätzchen zugelaufen und sucht Anschluss. Lisa ist nicht die Frau, für die ich diesen Text geschrieben habe. Wenn diese Frau auftaucht, dann wird man es bemerken. Dann wird es krachen, auch wenn es schwierig ist, Wahrnehmung so zu verschriftlichen, dass es kracht. Doch zuvor trinke ich und glaube eloquenter zu werden. In Wirklichkeit wird man natürlich immer dämlicher und verwendet seltsame Worte an seltsamen Stellen. Dann gehe ich meine sechste Zigarette rauchen.

Sie spielen Nena Nur geträumt. Nena. Von ihr war die erste CD, die ich mir als Grundschulkind von meinem eigenen Taschengeld kaufte. Wir tanzen neben der Frau mit dem Pommestop. Ich weiß jetzt, wie ich sie beschreiben will: Die Frau mit dem Pommestop hat einen brünetten Bob (Achtung Reimgefahr!), elegante weite Hosen und eben ein weißes Top, auf dem im Comicstyle eine Tüte Pommes gedruckt ist. Ganz einfach!

Wenn eine Person so großartig erscheint, dass die romantisch überhöhende Beschreibung in einem Text dem Leser vor Kitsch die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, dann sollte man darauf verzichten und einfach unprätentiös beschreiben, wie sie aussah. Und wenn man dann einen Satz wie den gerade geschriebenen verfasst und damit seine Aufgewühltheit gesteht, dann kann man viel klarer als durch stereotype Gefühlswelten zeigen, wie verzaubert man ist. So verzaubert, dass jedes Wort über die Verzauberung den Zauber entzaubern würde.

Neben mir steht nun urplötzlich mein frisch eingeschultes Grundschulich mit Eastpackrucksack, rotem kratzigem Pullover und zurrt von unten lästig an meiner Hose.

Die Frau im Pommestop tanzt nicht einfach nur neben ihren Freundinnen. Sie ist mit ihrem ekstatischen Nena-Fangirlgesang der Inbegriff des betrunkenen, wunderschönen Diskotanzes.

Neben mir steht nun urplötzlich mein frisch eingeschultes Grundschulich mit Eastpackrucksack, rotem kratzigem Pullover und zurrt von unten lästig an meiner Hose. Der kleine Racker glotzt mich mit Kulleraugen, schüchternen Backen und wilder Lockenfrisur an, mampft eine Bifi und redet mit vollem Mund auf mich ein: „Ich finde das Mädchen, das zu Nena tanzt, sehr toll. Willst du sie nicht fragen, ob wir Freunde werden wollen? Wir könnten gemeinsam Nena hören und Pommes essen. Biiiiitte!  Biiiiitte!“

Dann ist Nena vorbei. Wir gehen von der Tanzfläche und stehen plötzlich neben der Pommesfrau. Ihre Freundinnen sind rauchen gegangen. Sie hält mit zwei Bierflaschen in ihrer Hand die Stellung und wir quatschen. Und was zur Hölle hab ich da gerade zu ihr gesagt? „Ich mag dein Pommestop. Du hast doch gerade so wahnsinnig zu Nena getanzt, oder?“ Bist du jetzt zufrieden, du nerviger kleiner Racker? Doch ich setze noch einen drauf. Ich erzähle ihr von meinem Garfieldsweatshirt vom selben Londoner Underground Label und, dass ich es sehr gerne an hätte. Dann würde das passen mit uns. Oder so. Und sie lächelt sogar.

Mein Grundschulich sitzt eingeschüchtert von so viel Kotzverhalten neben Markus und flüstert: „Jetzt schmusen sie gleich. In zwei Minuten. Guck hin. Ganz sicher. Und du machst gar nix.“

Sie kommt aus Würzburg, entweder 21 oder 25. Ich vergesse es. Ich weiß nicht, worüber wir reden, denn es ist zu laut und der Alkohol schlägt sich extrem nieder. Doch da bin ich nicht der Einzige: Die Pommesfrau ist eine verträumte Schnapskugel. Gesprächsinhalte fliegen beiläufig durch die schweißgetränkte Luft und kitzeln uns an der Nase.

Dann fahren David und Lisa nach Hause. Mit dem gleichem Taxi. In die gleiche Wohnung. In das gleiche Bett. Dann sitze ich mit Markus auf einer Couch und gucke, wie die Pommesfrau mit einem Arsch redet. Der Arsch lehnt mit seinen tätowierten Machoarmen lässig-matschig an der Theke und versucht mit der Pommesfrau zu schäkern, indem er einen auf „Einseitig-Asozial-Kontaktzone-Verringern“ macht.

Mein Grundschulich sitzt eingeschüchtert von so viel Kotzverhalten neben Markus und flüstert: „Jetzt schmusen sie gleich. In zwei Minuten. Guck hin. Ganz sicher. Und du machst gar nix.“ Ein holder Retter neben uns hat zum Glück den Ernst meiner Lage erkannt und startet exklusiv für mich ein Ablenkungsmanöver, indem er mit der Pommesfrau spricht. Der Machoarsch zieht tatsächlich ab. Der Retter kommt zurück und beteuert: „Die ist nichts Besonderes. Verstehe nicht, was du an der findest.“ Ich glaube ihm kein Wort.

Dann nähert sie sich und schaut mich erwartungsvoll an. Kein Aber. Kein Komm schon. Ich schiebe sie weg.

Die Pommesfrau tritt aus dem Gesprächsschatten ihrer Freundinnen heraus, lächelt mich unübertrefflich an und winkt mich zu sich. Mein Grundschulich, eben noch niedergeschlagen, hebt aufgeweckt den Kopf, packt schnurstracks seinen Rucksack und springt fröhlich von einem Bein aufs andere hüpfend zu ihr. Wir reden wieder.

Irgendwann geht sie rauchen. Ich verkrafte keine siebte Zigarette. Ich unterhalte mich stattdessen mit ihren Freundinnen. „Wie heißt sie noch mal?“ frage ich eine der Freundinnen. Der Bass verschluckt alles. „Wie sie heeeiiißt ?“ Der Bass erstickt alles. Eine der Freundinnen der Pommesfrau nimmt meine Hand und zerrt mich auf die Tanzfläche. Mitten im Lied ruft sie mir ins Ohr: „Ich weiß, ich bin nicht deine perfekte Frau heute, aber komm schon…“ Dann nähert sie sich und schaut mich erwartungsvoll an. Kein Aber. Kein Komm schon. Ich schiebe sie weg.

Ein anderes Mal? Als würden wir uns jeden Tag auf dem  Schulhof sehen!

Die Pommesfrau schwankt herein und wird von einem weiteren Typen angesprochen. Der gut 30-jährige Testosteronaffe – ein Alphamännchen konservativer Schule, getarnt im "Berlin-für-Pseudocoole-Outfit" – hat offensichtlich noch nie davon gehört, dass Frauen heutzutage für sich selbst sprechen können. Er brüllt mich mit aggressiven Balzgesten an: “Ey, verpiss dich. Sie will nicht mit dir tanzen“. „Tut mir wirklich leid. Vielleicht ein anderes Mal“, sagt die Pommesfrau mitleidig.

„Ein anderes Mal?“, denke ich. Ein klassischer Fall, seltsame Worte an seltsamen Stellen zu verwenden. „Ein anderes Mal? Als würden wir uns jeden Tag auf dem  Schulhof sehen“, stimmt mir mein Grundschulkollege schmollend zu. „Ich werde dem Doofmann jetzt sofort auf die Nase hauen. Wir müssen dann nur schnell wegrennen!“, bietet er mir mit der Gefährlichkeit eines Teddybären an.

Der Club ist halb leer. Ich habe einen der letzten intakten Luftballons ergattert und lasse ihn, neben der Tanzfläche sitzend, in der Luft kreisen. Die Pommesfrau kommt vorbei. Winkt wieder. Ich solle aufstehen. Mache ich nicht.

Ich drehe dich. Unsere Augen drehen sich vom Alkohol und bleiben wieder in den Wäldern unserer Blicke stehen.

Ein einzelner tragender Synthesizer: Nothing Compares to You. Und wenn du mir nicht dein Herz schenken kannst, nicht für einen Augenblick in dieser ertränkten Nacht, so könnte ich dir wenigstens meines schenken: Für fünf Minuten und sieben Sekunden. Und dann bin ich es voll und ganz: Das ehrliche Grundschulkind. Du stehst auf der Tanzfläche. Ich strecke dir meine Hand fragend entgegen. Verliere mich mit der Seele eines Kindes in deinen Augen. Du lässt deine Hand in meine fallen.

„Du kannst mir ruhig sagen, wenn du nicht mit mir tanzen willst. Das ist okay. Ich fände es nur wunderschön, einmal mit dir zu tanzen“. Berührungen. Schüchtern, vorsichtig, aber intensiv. Since you been gone, I can do whatever I want. Ich drehe dich. Unsere Augen drehen sich vom Alkohol und bleiben wieder in den Wäldern unserer Blicke stehen. Mein Herz: Es dreht sich immer weiter. Deines auch?

Und mein Blick sagt alles ohne doppelten Boden. Ist die Musik ironisch oder romantisch? Ist diese Veranstaltung kitschig und die Luftballons romantisch oder anders herum? Ich habe es vergessen. Dieser schwebende Moment. Vorbei. Deine Freundinnen nehmen dich mit. Zur Garderobe. Ihr geht. Du kommst und umarmst mich. Dann nimmst du meinen Kopf und küsst mich in apokalyptischer Ekstase. Warum? Weil du gehst. Ich will dich noch einmal küssen. Du verschwindest als Fremde in die Nacht und ich falle in den Ohrensessel hinter mir. Und falle in tiefe Stille. Und schwelge als alter Mann in der einzigen, längst verschollenen Liebe. Vom Grundschulkind zum Greis. Dazwischen? Fünf Minuten, sieben Sekunden.

*Alle Namen geändert

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