Ganz der Papa #5: "Du bist ein guter Vater, du Ochse!"

© Marie Lechner

Sam und seine Frau haben nicht nur einen neuen winzigen Mitbewohner namens Teddy, sondern er auch einen neuen Job. Sam ist jetzt Papa – in Vollzeit. In dieser Kolumne nimmt er euch mit auf die Baustelle Baby. Warum freut man sich auf jemanden, den man noch gar nicht kennt? Was geht eigentlich bei den Münchner Mamas und was haben Air Jordans mit Feminismus zu tun? Immer mit dabei: die hilfreichen und manchmal fragwürdigen Lebensweisheiten seiner ägyptischen Mama. Folge Fünf: Warum Sam nur ein guter Vater sein kann, weil er eine gute Mutter hatte. 

"Heirate sie, bevor sie merkt, was für ein Trottel du bist.“, pfiff mir meine Mutter auf Arabisch entgegen während sie meiner Frau in die Augen schaute und dabei ihr Lachen kaum unterdrücken konnte. Es war wohlgemerkt das erste Treffen von Heidi und meiner Mutter und ein ziemlich lustiger elterlicher Segen, wie ich finde.

Heirate sie, bevor sie merkt, was für ein Trottel du bist.

Diese Szene schießt mir auf dem langen, nervigen Weg zum Münchner Flughafen durch den Kopf. Ich bin unterwegs, um meine Mutter abzuholen, die aus Kairo angereist kommt, um ihren Enkel zu sehen. Während der Fahrt frage ich mich, ob irgendjemand absichtlich Fahrzeuge als Statisten engagiert, damit der Mittlere Ring zu jeder Tages– und Nachtzeit schön voll ist. Wie sonst ist das möglich? Was ich mich auch frage: Wie der mütterliche Besuch wohl so wird.

Eigentlich will man ja irgendwie seine Ruhe haben. Mit so einem frischen Baby gibt es eh genug zu tun. Aber hey, eine Oma muss nunmal ihren Enkel sehen. Wobei das Verwandtschaftsverhältnis bei ägyptischen Frauen nicht ganz so deutlich ist. Mir scheint, sie sehen Enkel nicht als Enkel, sondern ebenso als ihre eigenen Kinder. Ich habe das Gefühl, dass die Erziehungsberechtigung mit dem Generationenwechsel nicht mal ansatzweise eingeschränkt wird.

Ich bin erstaunt über die Souveränität, mit der sie gleichzeitig ein Baby im Arm halten und mich schlagen kann.

Zumindest könnte man darauf die Selbstverständlichkeit zurückführen, mit der meine Mutter auf dem Heimweg in kurzen Intervallen und fast touretteartig gut gemeinte Tipps rausballert. Gleichzeitig freut sich Mama auf der Fahrt immer über den geregelten Verkehr und die kurze Distanz zu unserer Wohnung in Obergiesing. Zuhause angekommen lege ich ihr Teddy in die Arme und ihr Gesicht wirkt schlagartig 40 Jahre jünger. Sie strahlt aus ganzem Herzen und schaut mich an. „Du bist ein guter Vater.“

Ich korrigiere sie mit einem selbstgefälligem Lächeln: "Du weißt ja gar nicht, ob ich ein guter Vater bin. Du meinst eher, dass ich – inshallah – ein guter Vater werde!" Sie verpasst mir eine schnelle Rückhand auf meinen Oberarm und zischt mir entgegen, dass sie sehr wohl wisse, was sie sagt. Ich bin erstaunt über die Souveränität, mit der sie gleichzeitig ein Baby im Arm halten und mich schlagen kann. "Ich habe gesehen, wie du ihn anschaust. Du schaust nicht wie die meisten Väter, die ich mit ihren Kindern in den Armen gesehen habe. Du schaust ihn mit einer mütterlichen Liebe an. Du bist jetzt schon ein guter Vater, du Ochse!“

Der einzig logische Move, den ich bringen kann? Ich besorge meiner Mama fürs Abendessen Hendl vom Lindwurmstüberl.

Ich versuche angestrengt meine Aufregung zu überspielen, da Mama noch nicht weiß, dass ich Zuhause bleiben und mich um Teddy kümmern werde. Dabei bin ich mir alles andere als sicher, wie ich ihr das sagen will. Heidi und ich haben diese Entscheidung schon getroffen, denn unserer Meinung nach ist und bleibt es das beste für Teddy. Aber natürlich weiß ich auch um den Unterschied der Kulturen und Rollenbilder in Ägypten. Der einzig logische Move, den ich bringen kann? Ich besorge meiner Mama fürs Abendessen Hendl vom Lindwurmstüberl.

Bei ihrem letztem Besuch habe ich sie nur schwer davon abhalten können, acht ganze Hähnchen beim Lindwurmstüberl zu kaufen und mit nach Kairo zu nehmen. Will sagen: Sie ist Fan. „Der Junge muss viel pürierte Hähnchenleber essen.“, spricht sie, während ich nach Worten ringe, die ihr erklären, dass ihr Sohn jetzt nicht nur Vater, sondern auch Hausmann ist.

Es braucht ein bisschen, bis nicht nur die Worte, sondern auch deren Sinn zu ihr durchdringen. Sie lächelt mit Tränen in den Augen und küsst mich so sanft wie selten – aber nur, um mir direkt auf die Hand zu hauen und dabei laut zu lachen: "Hab ich doch gesagt. Du bist ein toller Vater! Und weißt du warum? Weil du eine noch tollere Mutter hattest, du Ochse!"

Danke für alles, Mama.

Ruhe in Frieden. Ich liebe dich.

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