Ganz der Baba #23: Der therapeutische Mittelfinger

© Marie Lechner

Neben unangemessenen Fragen zu meiner Herkunft sind einige der peinlichsten Situationen im Erwachsenen- oder Elterndasein definitiv jene, in denen über Musik gesprochen wird – besonders wenn man sich mehr oder weniger ungewollt zwischen Perlenohringen, viel zu gut passenden Jeans und über den Schultern ruhenden V-Kragen-Pullovern wiederfindet. Droppt man in solch einer Runde die Info, dass man gerne Hip Hop hört, folgt meist ein verstörendes Spektakel: Erwachsene Menschen reden urplötzlich wirres Zeug von wegen "Yo, Masserfacker!" und "Ey, Bitch", während sie ihre Hände ungewöhnlich verdrehen. So, als würden sie gerade einen Taser mit 50.000 Volt abbekommen – oder einfach gegen den nächsten Weidezaun pinkeln.

Neben einer gewissen Wortgewandtheit und einem Hang für völlig überteuerte Turnschuhe hat mir die Hip Hop Kultur jedoch die therapeutische Wirkung eines gedanklichen Mittelfingers vermittelt.

Lustig eigentlich, aber auch unfassbar spießig. Neben einer gewissen Wortgewandtheit und einem Hang für völlig überteuerte Turnschuhe hat mir
die Hip Hop Kultur jedoch die therapeutische Wirkung eines gedanklichen Mittelfingers vermittelt. Dieser Mittelfinger hat verschiedenste Nuancen: Bin ich auf dem Weg zu einem wichtigen Job angespannt, höre ich bis heute “loose yourself“ von Eminem. Das ist dann der angreifende Mittelfinger. Einer, der sagt: „fickt euch, Ich schaff das schon!“

“NY State of Mind“ von Nas höre ich nach einem Streit oder einem schwierigen beruflichen Telefonat, denn dieser Mittelfinger murmelt: „Fickt euch, ich muss nachdenken.“ Und ja, ich bin Vater eines zweijährigen Sohnes und möchte laut sagen, dass ein ordentliches „Fuck You“ durchaus gesund sein kann.

Es gibt ein Monster, das in jedem Kursraum, jedem Babyschwimmbecken und in jeder überheizten Räumlichkeit, in der Mütter und Vater mit ihren Kindern zusammenkommen, wohnt. Dieses Monster heißt Druck.

Hip Hop geht menschlich und impulsiv mit Emotionen um. Und Leute diese Gefühle sind nicht immer positiv. Dasselbe gilt für den Umgang mit Druck.
Als Teddy noch ein klitzekleines Baby war und ich mir die Woche mit Kursen, Spielgruppen und anderen Aktivitäten vollgeknallt habe, ist mir schon früh aufgefallen, dass es ein Monster gibt, das in jedem Kursraum, jedem Babyschwimmbecken, in jeder überheizten Räumlichkeit, in der Mütter und Vater zusammenkommen, um die Kleinsten zu bespaßen, wohnt. Dieses Monster kommt später mit auf den Spielplatz, in die Kita und sogar ins Büro. Dieses Monster heißt Druck.

Der Druck, alles richtig zu machen. Handgestreicheltes Demeter Erbsenpüree trifft fleckenfreie, genderneutrale, aber trotzdem niedliche Kleidung aus Bio Baumwolle. Der Druck ruft nach einem Kind, das mit zehn Monaten läuft, mit 18 Monaten spricht und bis zum zweiten Lebensjahr gestillt wird. Aber bloß keinen Tag länger, denn das ist krank. Der Druck brüllt regelrecht
nach einer Topfigur (was auch immer das ist) sechs Wochen nach der Geburt
und will euch nach vier Wochen wieder im Job sehen – aber gleichzeitig stillend und mit voller Aufmerksamkeit für das Kind. Sonst Prädikat "vernachlässigende Karrierefrau".

Sind wir bei all unserer modernen Selbstwahrnehmung wirklich immer noch an dem Punkt, an dem ein Vater schon einen Championship-Ring bekommt, wenn er eine kleine Nebenrolle ohne Text im Erziehungs-Theater spielt?

In dem Moment, in dem ein Fleck, ein Fertig-Gläschen, ein noch krabbelndes einjähriges Kind oder ein Babysitter kommentiert wird, läuft doch mehr schief als beim Rapper Snow nach “Informer“.

Ich erinnere mich bis heute, dass eine sehr witzige, fröhliche, sympathische Mama auf dem Heimweg vom Krabbelkurs plötzlich in Tränen ausbrach, weil sie unendlich Angst vor dem ewigen Brei-Thema hatte. Kochen war einfach nicht ihre Stärke und trotzdem wollte sie nicht diese "Art Mama" sein, die ihrem Kind Gläschen aus dem Supermarkt füttert. Da kann der Rapper in mir nur sagen: "What the actual Fuck?!"

Woher zur Hölle kommt dieser Druck und warum kommt er nicht bei mir an? Bloß, weil ich ein Mann bin? Sind wir bei all unserer modernen Selbstwahrnehmung wirklich immer noch an dem Punkt, an dem ein Vater schon einen Championship-Ring bekommt, wenn er eine kleine Nebenrolle ohne Text im Erziehungs-Theater spielt?

Sollten Mamas vielleicht wirklich alle mal eine Runde N.W.A. pumpen und mit zwei ausgestreckten Mittelfingern in Richtung gesellschaftlichen Druck durch das skandinavisch eingerichtete Wohnzimmer tanzen?

Sollten Mamas vielleicht wirklich alle mal eine Runde N.W.A. pumpen und mit zwei
ausgestreckten Mittelfingern in Richtung gesellschaftlichen Druck durch das skandinavisch eingerichtete Wohnzimmer tanzen? Was soll dieser Leistungsdruck unter Müttern? Ist da ein unerfülltes Geltungsbedürfnis im Spiel? Wenn man schon nicht arbeitet und ne “coole“ Karriere macht, dann doch wenigstens die perfekte Mama oder der beste Papa sein seit Diddy?

Meine Mama hat immer gesagt, dass sie die größten Schmerzen bei meiner Geburt mit meinem Ego hatte. Vielleicht ein Grund, warum ich mit breiter Brust sage, dass ich mich von Herzen gerne als Vollzeitpapa bezeichne. Aber Nas, B.I.G., 2Pac, Snoop, Method Man und Eminem haben definitiv ihren Beitrag dazu geleistet. Auf den therapeutischen Mittelfinger! For real, ihr süßen Masserfacker.

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