Das München-ABC: I wie Isar

© Julian Mittelstaedt

München ist wahnsinnig schön – und manchmal auch ein bisschen langweilig, spießig und streng. Zu sauber und zu geregelt. Wenn dir auch jedes Mal auf der Isar-Brücke die Knie weich werden und dich aber nichts mehr aufregt als unsere Öffnungszeiten, Tanzverbote und Mutlosigkeit, dann bist du hier genau richtig. In unserem ABC schreiben wir auf, was wir an dieser Stadt unendlich gut, aber auch ziemlich beschissen finden. Diesmal: Eine Liebeserklärung an die Isar (was sonst?).

Okay, ich gebe zu – das I wie Isar ist sicherlich nicht unsere originellste Idee im München-ABC, aber nun einmal die einzige Möglichkeit, die es bei eben jenem Buchstaben geben kann. Denn, auch wenn das vielleicht schon ein paar Menschen vor mir aufgeschrieben und sich schon tausende Menschen vor mir gedacht haben, muss mal ein ordentlicher Liebesbrief an die Isar geschrieben werden.

Die Sache ist nämlich die: Wir radeln, joggen, spazieren fast täglich an ihr entlang, trotzdem ist es mit der Isar wie mit einer guten Ehe – in besonders schönen Momenten schauen wir sie an und uns wird einmal mehr bewusst, wie gut wir es haben, aber die meiste Zeit ist sie eben einfach da.

Wir radeln, joggen, spazieren täglich an ihr entlang, trotzdem ist es mit ihr wie mit einer guten Ehe: Die Isar ist die meiste Zeit einfach da.

Zudem ist auf die Isar auch immer Verlass – im Winter bei stundenlangen Spaziergängen. Ein Dutzend kreisender Vögel über unseren Köpfen und das Schnee-Panorama inklusive dampfendem Heizkraftwerk. Im Sommer sowieso, bei kühlem Radler, dem unverwechselbaren Grill-Geruch, der sich von Thalkirchen bis zum Deutschen Museum zieht, und unendlich scheinenden, lauen Abenden. Das alles schätzen wir, aber haben wir jemals Danke gesagt? Ne, stattdessen lassen viele hier immer noch ihren Müll liegen.

Wer dagegen schon sein Bestes für den wahrscheinlich schönsten Fluss Deutschlands tut und einfach nur mal seine Beziehung auffrischen möchte, der muss nur einmal an einem 32 Grad-Wochenende die Isar mit einem Schlauchboot, den fünf besten Freunden und einem Kasten Bier herunterfahren. Danach, so viel sei garantiert, wird sich derjenige ein kleines Passbild von ihr (der Isar, natürlich) in den Geldbeutel stecken. Wie das Frischverliebte eben so tun.

Das alles schätzen wir, aber haben wir jemals Danke gesagt? Ne, stattdessen lassen viele hier immer noch ihren Müll liegen.

Manch einer braucht auch gar kein Bild mehr von ihr, weil er das große Glück hat, täglich auf dem Weg zur Arbeit an ihr vorbei oder entlang zu fahren. So oder so: Schaut hin! Denn das, was wir hier haben, ist alles andere als selbstverständlich. Wir können im Sommer in einem sauberen und klaren Fluss baden, im Herbst unsere Gedanken an ihr entlang spazierend tragen. Die Isar ist für alle da, sie ist einer der wenigen Plätze der Stadt, an dem wirklich mal alle Münchner, ganz egal, wie alt sie sind oder was sie arbeiten, aufeinander treffen.

Hier darf jeder einfach sein (außer vielleicht an einem hippen Sommerabend an der Reichenbachbrücke) und dafür sage ich: Danke, liebe Isar. Danke, dass ich immer vorbeikommen kann, wenn's mir schlecht geht – und auch wenn's mir gut geht. Danke für all die schönen Nachmittage, Abende, Morgende. Für den Kaffee bei dir, die mitgebrachte Brotzeit, wunderschöne Dates und nie vergessene Gespräche. Danke, dass du meinen Tag jeden Morgen auf dem Weg zum Büro schon ein bisschen schöner machst. Danke dafür, dass ich mich einfach nicht satt sehen kann an dir.

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