Von Neukölln nach Untergiesing: Isar versus Spree

© Anna Rupprecht

Spätestens, als unsere Autorin Johanna aus Neukölln mit dem Transporter in die neue Straße in Giesing einbiegt, ist ihr klar: Das hier wird anders. In ihrer Kolumne "Von Neukölln nach Untergiesing" schreibt sie nun jede Woche auf, wie sie München kennenlernt und welche Unterschiede ihr besonders auffallen. Was sie liebt (den V-Markt!), was sie hasst (kein günstiges Schawarma hier!) und warum München manchmal doch gar nicht so anders ist als Berlin.

Einer der größten Vorteile des Trendbezirks Untergiesing ist seine naturnahe Lage. Das würde ich schreiben, wenn ich einen München-Reiseführer schreiben würde. Aber ich schreibe eine Kolumne für Mit Vergnügen und deswegen: Heilige Scheiße, die Isar ist so krass!

Zwei Tage nach meinem Umzug nach München führten mich zwei meiner Urmünchner Freunde in meinem neuen Eck aus – insofern man diese verwunschenen Wiesen und Wälder um Untergiesing überhaupt so bezeichnen kann. Als ich zum ersten Mal über den Hügel Richtung Flaucher trat, fühlte ich mich wie Frodo, der endlich Bruchtal erblickt. Nur dass es keine Elben waren, die sich dort tummelten, sondern Münchner in Active Wear.

Spree und Isar: Das ist, als würde man Äpfel mit Kreuzschlitzschraubenziehern vergleichen.

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich es wirklich fassen konnte, dass ich tatsächlich nur zehn Minuten Fußweg von einem derart idyllischen Ort entfernt wohne. In Berlin wohnte ich zwar auch nur fünf Minuten vom berühmt-berüchtigten Maybachufer entfernt, aber wer schon mal da war weiß, dass das nicht nur ist, als würde man Äpfel und Birnen vergleichen, sondern eher als würde man Äpfel und Kreuzschlitzschraubenzieher vergleichen.

Die Spree ist die meiste Zeit des Jahres eher eine Art Sud als ein Gewässer. Wenn man es nicht anders kennt, dann ist es gar nicht so schwer, sich mit diesem leicht modrigen Aroma in der Luft und den überdimensionalen Atom-Ratten, die ab und zu aus irgendwelchen Löchern schlüpfen, zu arrangieren. Großstadtfeeling, Leute! Sechs Sommer lang saß ich mit meinem Sternburg an den Ufern Berlins und war einfach nur dankbar für ein bisschen Wasser und Gestrüpp.

Als ich zum ersten Mal über den Hügel Richtung Flaucher trat, fühlte ich mich wie Frodo, der endlich Bruchtal erblickt.

Dass die Großstadtbevölkerung immer noch an Kreuzberger Ufern sitzt wie die Hühner auf der Stange, sobald der erste Sonnenstrahl den Kotti küsst, zeigt, dass der Berliner per se sich von ein bisschen Verwesungsgeruch und bedenklich großen Nagetieren nicht abschrecken lässt. Am heißesten Tag des Sommers 2013 sprang ich mal in meiner Verzweiflung mitsamt Klamotten in die Rummelsburger Bucht – never forget. Dass mir danach kein drittes Auge gewachsen ist, wundert mich bis heute. Jedenfalls roch ich noch nie in meinem Leben so merkwürdig wie an diesem ehrwürdigen Tag. Ich hatte Spaß.

Wenn ich mich diesen Sommer zum ersten Mal in das glasklare Wasser des Flauchers setzen werde, dann ganz ohne Bedenken vor unangenehmen Gerüchen oder zusätzlich wachsenden Körperteilen. Stattdessen werde ich mich fühlen wie eine grazile Wassernymphe. Wie eine Adelige in der Sommerfrische. Wie ein frisch getauftes bayerisches Baby. Und während die Spree, so wie vieles in Berlin, ihren Reiz vor allem auf den zweiten Blick entfaltet (insofern dieser keine toten Lebewesen beinhaltet, die auf der Wasseroberfläche schwimmen), ist die Isar einfach schlicht und ergreifend: schön. Trotzdem liebe ich sie beide gleich, als wären sie meine Kinder. Auch wenn eins definitiv mehr drauf hat. Dafür ist das andere nicht so ein elendiger Streber. 

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