Von Neukölln nach Untergiesing: Spontane Jodelattacken am Schliersee

© Anna Rupprecht

Spätestens, als unsere Autorin Johanna aus Neukölln mit dem Transporter in die neue Straße in Giesing einbiegt, ist ihr klar: Das hier wird anders. In ihrer Kolumne "Von Neukölln nach Untergiesing" schreibt sie nun jede Woche auf, wie sie München kennenlernt und welche Unterschiede ihr besonders auffallen. Was sie liebt (den V-Markt!), was sie hasst (kein günstiges Schawarma hier!) und warum München manchmal doch gar nicht so anders ist als Berlin.

Läppische sechs Monate hat es gedauert, bis ich zum ersten Mal in die BOB stieg und die Stadt gen Rest-Bayern verließ – ich schätze, damit liege ich ziemlich genau im Münchner Durchschnitt. Denn obwohl meine neue Heimat gefühlt mitten im Auenland liegt und ich überhaupt nicht durchblicke, wie viele tausende malerische Seen, Berge und Ausflugsziele es in nächster Nähe überhaupt gibt, scheint es eine Art Münchner Krankheit zu sein, dass man es trotzdem so gut wie nie raus schafft.

Läppische sechs Monate hat es gedauert, bis ich zum ersten Mal in die BOB stieg und die Stadt gen Rest-Bayern verließ – ich schätze, damit liege ich ziemlich genau im Münchner Durchschnitt.

Zugegeben – diese Option, sich innerhalb von einer Stunde Fahrt direkt in einer Horst-Seehofer-Wahlkampfplakat-Landschaft wieder zu finden, ist neu für mich. Zwar hat Brandenburg auch viel zu bieten, aber bis man Berlin mal Richtung Pampa verlässt, muss man erst mal stundenlang per S-Bahn die endlosen Landschaften der schnarchigen Berliner Vororte durchqueren – und landet dann eben beispielsweise im schönen, aber unspektakulären Spreewald und nicht direkt am Set von „The Sound of Music“.

Letzten Sonntag habe ich es dann endlich geschafft und zum ersten Mal in meinem Leben die BOB betreten. Wir waren nicht die einzigen Großstädterinnen, die auf die Idee kamen – stellte sich bald heraus, denn der Zug platzte aus allen Nähten und die extrem gestresste Schaffnerin war die ganze Fahrt über damit beschäftigt, den Fahrgästen an den Bahnhöfen auf reinstem, unverständlichem, gebrülltem Bairisch zu erläutern, dass niemand mehr in den Zug passt („Ihr passts nimmer eine, mir samma voll bis oben hi, in Solln kimmt no a Rollstuhlfahrer nei!“).

Unweigerlich musste ich an „Heidi“ denken und jodelte fröhlich, am Steuer meines Elektroboots, die Titelmelodie vor mich hin.

Am Schliersee angekommen hatte ich für eine ungläubige Zehntelsekunde Verständnis für fanatischen Bayernpatriotismus – kristallklares Wasser, schneebedeckte Berge, oberbayerische Häuschen mit Herzl-Schnitzereien und Holzbalkonen, Pferde, Enten, Biergärten! Und eine Horde von Cargoshorts, Crocs, Walkingstöcken und weißen Gesichtern in einer zwei Zentimeter dicken Schicht Sonnencreme, Lichtschutzfaktor 50. Fast hätte ich vor Seligkeit angefangen, zu jodeln.

Das tat ich tatsächlich eine Stunde später, nachdem wir den See einmal umrundet hatten und uns ein Elektroboot mieteten, das uns ein charmanter Naturbursche oberkörperfrei und mit Verbrennungen zweiten Grades am Steg übergab. „Vui Spaß!“ sagte er und überließ uns dem See. Unweigerlich musste ich an Heidi denken und jodelte fröhlich, am Steuer meines Elektroboots, die Titelmelodie vor mich hin. Und konnte mir in diesem Moment tatsächlich sehr gut vorstellen, Job und Studium zu schmeißen, mir stattdessen ein paar Schafe zuzulegen und Alm-Öhi zu werden.

Ungläubig schaute ich im Biergarten von meinen Käsespätzle auf und dachte mir: Wow. Das ist der bayerischste Ort, an dem ich je war.

Es war, als hätte mir Markus Söder persönlich einen teuflischen Zauber auferlegt. Ungläubig schaute ich im Biergarten von meinen Käsespätzle auf und dachte mir: "Wow. Das ist der bayerischste Ort, an dem ich je war." Die Welt ist hier so übertrieben in Ordnung, dass es einem schon irgendwie verdächtig vorkommt. Und dann hatte ich ein bisschen Heimweh nach Neukölln – da ist die Welt zwar nicht immer in Ordnung, aber dafür nicht so surreal kitschig und homogen-deutsch, dass man in spontane Jodelattacken ausbricht.

Ich trank einen Schluck von meinem Hellen, zuckte mit den Schultern, schüttelte den Markus-Söder-Fluch ab und beschloss, dass ich beides gleich schön finde. Aus unterschiedlichen Gründen, in gewissen Dosen, und am Besten abwechselnd. „Yallah, pack mas!“ hab ich gesagt – und wir gingen zurück Richtung Bahnhof.

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