Von Neukölln nach Untergiesing: München – ein Dorf von Welt

© Anna Rupprecht

Spätestens, als unsere Autorin Johanna aus Neukölln mit dem Transporter in die neue Straße in Giesing einbiegt, ist ihr klar: Das hier wird anders. In ihrer Kolumne "Von Neukölln nach Untergiesing" schreibt sie nun jede Woche auf, wie sie München kennenlernt und welche Unterschiede ihr besonders auffallen. Was sie liebt (den V-Markt!), was sie hasst (kein günstiges Schawarma hier!) und warum München manchmal doch gar nicht so anders ist als Berlin.

Ich war ja nie besonders gut in Mathe, aber diese Rechnung geht nun wirklich nicht auf: München ist die drittgrößte Stadt Deutschlands und trotzdem kenne ich gefühlt jeden Menschen unter 30. Nach einem halben Jahr.

In Berlin habe ich mich immer gern darüber beschwert, dass es sich irgendwie nicht lohnt, sich mit Fremden zu unterhalten. Entweder sie sind Touristen, übermorgen wieder an dem Ort, von dem sie geflüchtet sind und sagen früher oder später grauenhafte Dinge wie „oh, I just love Neukölln, it’s so edgy and you know, it kinda feels so real“. Oder man unterhält sich einen Abend lang gut und sieht sich trotzdem nie wieder – obwohl man hundert Meter Luftlinie voneinander entfernt wohnt.

Als ich nach München kam, kannte ich hier zwei Menschen. Jetzt, sechs Monate später, kenne ich gefühlt jede Person unter 30 – über irgendwelche Ecken.

Leute, die man schon kennt, irgendwo zufällig treffen? Gemeinsame Freunde mit einer fremden Person? Das waren seltene und irritierende Erfahrungen, die mir immer irgendwie das Gefühl gaben, dass ich Berlin langsam durchgespielt hatte. Es hat aber auch seine Vorteile: Zum Beispiel rennt man nicht dauernd in alte Tinder-Dates und muss verkrampften Smalltalk führen. Hab ich gehört.

Warum sich also überhaupt die Mühe machen und mit jemandem sprechen, den man nicht schon gefühlte zehn Jahre kennt? Man wird sich wahrscheinlich sowieso nicht wiedersehen! Das scheinen sich in Berlin viele zu denken, denn irgendwie leben und trinken und eskalieren alle so in ihren winzigen Bubbles vor sich hin, in denen es bequem ist und man Witze nicht erklären muss. 

Als ich mich an meinem dritten Wochenende in irgendeiner Bar umschaute, stellte ich mit großer Faszination fest: Die kenn ich ja alle schon.

Niemand stellt Fragen wie „Und, was machst DU so in Berlin?“ oder „Warst du schon mal im Berghain?“. Stammkneipen? Gibt es nicht wirklich, die Auswahl ist zu groß. Erweiterte Freundeskreise? Kommen irgendwie nur zu Geburtstagen zusammen und werfen sich dann immer Sätze wie „Wir müssen uns unbedingt öfter sehen!“ und „Mensch, dich gibt’s ja auch noch!“ an die Köpfe. Und so blieb ich in Berlin immer schön in meiner Happy Bubble – und ignorierte die meiste Zeit die anderen 3574820 Menschen außerhalb von ihr.

In München läuft das alles anders. Als ich mich an meinem dritten Wochenende in irgendeiner Bar umschaute, stellte ich mit großer Faszination fest: Die kenn ich ja alle schon. Sie waren nämlich letztes und vorletztes Wochenende auch schon da. Bei jeder neuen Bekanntschaft – ob es nun jemand aus der Uni oder dem Job war oder jemand, der mir einen Staubsauger auf Ebay Kleinanzeigen verkaufen wollte – gab es irgendeine Connection.

Zwar gibt es auch hier Bubbles, aber irgendwie verschmelzen sie alle zu einer einzigen, aufgeblähten, bayerischen Riesenblase.

Als ich nach München kam, kannte ich hier zwei Menschen. Zwei sehr gut vernetzte Menschen, wie sich rausstellte: Jetzt, sechs Monate später, kenne ich gefühlt jede Person unter 30 – über irgendwelche Ecken. Jeder war mit jedem entweder irgendwann mal zusammen, in der Schule, im Tokio Hotel Fanclub 2005 oder auf Skifreizeit in der siebten Klasse. Zwar gibt es auch hier Bubbles, aber irgendwie verschmelzen sie alle zu einer einzigen, aufgeblähten, bayerischen Riesenblase.

Vielleicht liegt es an mangelnder Integration von Zugezogenen in die Bayern-Bubble, vielleicht daran, dass München sich nicht „edgy und real“ genug anfühlt, als dass Touristen alle coolen Orte annektieren würden. Aber eigentlich ist es auch egal: München ist ein großes Dorf, und das ist meistens schön! Denn hier sieht man Menschen wieder, ob man will oder nicht. Das ist gut für den Bubble-Horizont. Aber schlecht für Tinder. Hab ich gehört.

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