Von Neukölln nach Untergiesing: Pfiats eich!

© Anna Rupprecht

Spätestens, als unsere Autorin Johanna aus Neukölln mit dem Transporter in die neue Straße in Giesing einbiegt, ist ihr klar: Das hier wird anders. In ihrer Kolumne "Von Neukölln nach Untergiesing" schreibt sie nun jede Woche auf, wie sie München kennenlernt und welche Unterschiede ihr besonders auffallen. Was sie liebt (den V-Markt!), was sie hasst (kein günstiges Schawarma hier!) und warum München manchmal doch gar nicht so anders ist als Berlin.

Es ist jetzt bald ein Jahr her, dass ich mit dem Umzugswagen in meine Straße in Untergiesing eingebogen hin und gemerkt habe, dass das hier definitiv anders wird. Frühling, Sommer, Herbst und Winter: München und ich haben jetzt alles einmal zusammen durchgemacht. In 26 Kolumnen habe ich Kulturschocks verschiedenster Art verarbeitet, die die bayerische Hauptstadt mir beschert hat. Und auch wenn ich mich manchmal immer noch ein bisschen wie ein Alien fühle (Stichwort Oktoberfest), glaube ich, dass ich jetzt angekommen bin.

Es bedarf etwas Arbeit, den skeptischen Münchner davon zu überzeugen, dass man in Frieden kommt.

Von Berlin nach München kommen ist ein Sonderfall. Die Leute sind verwirrt. Normalerweise läuft es nämlich eher andersherum ab – daher die Irritation, wenn ich erzähle, wo ich herkomme. Es scheint ein altes Trauma zu sein, das der Münchner mit Berlin verbindet. Vielleicht liegt es daran, dass halb München inzwischen dorthin ausgewandert ist, oder daran, dass München sein Oktoberfest-Schickeria-Image einfach nicht los wird und Berlin für immer als aufregender gelten wird – ihr wisst, dass es wahr ist. Auf jeden Fall bedarf es etwas Arbeit, den skeptischen Münchner davon zu überzeugen, dass man in Frieden kommt. Aber man darf nicht vergessen: Ich bin freiwillig hier!

Die Stadt ist wie ein alter Mann, der definitiv Xaver oder Alois heißt und dessen Respekt man sich erst mal verdienen muss.

Zugegeben: Es hat ein bisschen gedauert, um mit München warm zu werden. Denn München ist nicht gleich zu jedem Dahergelaufenen freundlich. Die Stadt ist wie ein skeptischer, alter Mann (er heißt definitiv Xaver oder Alois), dessen Respekt man sich erst mal verdienen muss. Er braucht ein bisschen Zeit, um sich locker zu machen.

Inzwischen habe ich mit München aber einiges erlebt: Ich lag unzählige Male an und in der Isar, habe meinen Seelenort gefunden (den V-Markt), kann jetzt ein bisschen Bairisch, habe mich mit Boazn-Veteranen angefreundet, kenne nun circa jeden Menschen unter 30, habe das Umland abgeklappert, war mit 30.000 anderen Münchnern demonstrieren, saß verwirrt im KVR, habe Leberkassemmeln gegessen, als gäbe es kein Morgen – und habe die Hotpants-Zwillinge live erlebt. Das ist vermutlich der wahre Münchner Einbürgerungsritus. Und München, der alte Grantler, hat mich jetzt akzeptiert. Und er ist echt ein angenehmer Geselle, wenn er einen in seine Geheimnisse einweiht. Wir sind jetzt Buddies.

Wenn ihr mich sucht: Ich bin im V-Markt – oder auf der elendigen Suche nach einem guten Schawarmaladen.

Wenn man umzieht, wird man Zeuge eines merkwürdigen Prozesses: Was sieht man vorm inneren Auge, wenn jemand „Zuhause“ sagt? Die ersten 20 Jahre meines Lebens sah ich Kühe, Apfelwein und nichtvorhandene Busverbindungen. Dann zog ich nach Berlin, und nach und nach mischten sich unter die Odenwälder Wiesen und Wälder der Fernsehturm, Spätis und Sternburg. Sagt heute jemand „Zuhause“, dann kommen plötzlich Bilder von Isarstränden, Leberkas und Augustiner dazwischen. Das bedeutet: Ich schätze, ich bin angekommen.

Das bedeutet aber auch: Ich hab meine Geschichte auserzählt. Und bedanke mich hiermit aufrichtig bei allen, die diese Kolumne unterhaltsam fanden, obwohl ich manchmal ein kleines bisschen gemein zu München war. Aber hey, das machen Freunde nun mal so! Ich hatte jedenfalls sehr viel Spaß und freue mich auf alle bayerischen Abenteuer, die mir noch bevorstehen. Wenn ihr mich sucht: Ich bin im V-Markt – oder auf der elendigen Suche nach einem guten Schawarmaladen.

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