Von Neukölln nach Untergiesing: Mein Seelenort – der V-Markt!

© Anna Rupprecht

Spätestens, als unsere Autorin Johanna aus Neukölln mit dem Transporter in die neue Straße in Giesing einbiegt, ist ihr klar: Das hier wird anders. In ihrer Kolumne "Von Neukölln nach Untergiesing" schreibt sie nun jede Woche auf, wie sie München kennenlernt und welche Unterschiede ihr besonders auffallen. Was sie liebt (den V-Markt!), was sie hasst (kein günstiges Schawarma hier!) und warum München manchmal doch gar nicht so anders ist als Berlin.

Ich bin im Oktober nach München gekommen, und nach den ersten paar Wochen, in denen ich noch wenig zu tun und viel Augustiner nachzuholen hatte, gab es nichts, was meine Laune trüben konnte. Aber dann fielen die Blätter und die Tage wurden kürzer und ich fing langsam an, zu verstehen, dass das Leben auch in München kein Ponyhof ist, auch wenn ein Pony in Giesing sehr viel länger überleben würde als in Neukölln. Es könnte in meinem Vorgarten leben. Ich bräuchte nur einen Zaun und ein bisschen Heu. Was fressen Ponys außer Heu?

Am Rande des Ostfriedhofs, wo die Eichhörnchen die Sonne küssen, durch einen verwunschen Bahnhofsübergang hindurch, vorbei an einer mystischen Baustelle, prankt ein ehrwürdiges „V“.

Jedenfalls begab es sich, dass der graue Alltag Einzug hielt und mein Nestbau-Instinkt reinkickte. In meinem Zimmer gab es Einiges zu tun: streichen, Vorhänge anbringen, dieses Zeug eben. Und weil ich schon mein ganzes Leben lang eine ausgeprägte Affinität zu Baumärkten habe – obwohl meine Eltern mich Ende der Neunziger mal in einem vergessen hatten, weil ich 30 Minuten lang wie hypnotisiert alle Türklingeln ausprobiert hatte – machte ich mich auf, einen Baumarkt aufzusuchen. Ach, aber ich bekam so viel mehr als das!

Am Rande des Ostfriedhofs, wo die Eichhörnchen die Sonne küssen, durch einen verwunschen Bahnhofsübergang hindurch, vorbei an einer mystischen Baustelle, prankt ein ehrwürdiges „V“. Mit offenem Mund betrat ich die heiligen Tore des V-Maktes und traute meinen Augen nicht. Lebensmittel! Klamotten! Campingzubehör! Haushaltsartikel! Sport-Equipment! Drogeriebedarf! Spielwaren! Elektrogeräte! Wandtattoos! Es gibt einfach nichts, was es im V-Markt nicht gibt. In diesem Ausmaß hatte ich das noch nicht erlebt. Auf jeder Etage – und es gab gefühlt zehn – kam eine neue Abteilung zum Vorschein.

Ich fühlte mich, als hätte ich Narnia entdeckt und schrieb bei jeder Neuentdeckung aufgeregt meinen Freunden, um dieses emotionale Feuerwerk zu teilen, das ich empfand.

Es hätte mich nicht gewundert, wäre ich durch irgendeinen Durchgang in der Winkelgasse gelandet, wo mir eine bärtige Hexe zwei Vielsafttränke zum Preis von einem anbietet. Ich fühlte mich, als hätte ich Narnia entdeckt und schrieb bei jeder Neuentdeckung aufgeregt meinen Freunden, um dieses emotionale Feuerwerk zu teilen, das ich empfand. „Braucht jemand ein Blutdruckmessgerät? Die sind im Angebot!!!“, „Hier drin ist ein eigener Weihnachtsmarkt!!!“, „Hier gibt’s eine Jodelmaschine für 4,99 Euro!“, „Braucht jemand einen Schlitten!?!“, „Will jemand einen Einhorn-Türstopper?“.

Bestimmt zwei Stunden später stand ich an der Kasse mit der wildesten Mischung an Gegenständen, die ich je auf einem Kassenband gesehen hatte, und hatte komplett vergessen, weswegen ich ursprünglich hergekommen war: Espresso, ein Schuhregal, Käse, Zahnpasta, eine Dose Bohnen, eine Steckerleiste, Schrauben, Mayonnaise, Kaugummis, Lackpinsel, Naturkosmetik und eine kleine Dose WD-40 (Must-Have). Selig holte ich mir am Ausgang noch eine Leberkassemmel, trat aus der Tür und es türmte sich vor mir auf: Der V-Baumarkt. Mit Gartencenter.

Wo andere Menschen in Drogerien eskalieren und plötzlich hundert Euro für Badebomben und Sheet-Masken mit lustigem Aufdruck ausgeben – so geht’s mir mit Baumärkten!

Ich hätte mich fast an meiner Semmel verschluckt: Bis zu diesem Moment dachte ich, die Baumarkt-Abteilung im V-Markt wäre der Baumarkt gewesen, aber nein! Selbstverständlich ist direkt neben dem V-Markt, der so groß ist wie mein Heimatdorf, noch ein eigener Baumarkt. Ich war im Himmel. Ihr müsst nämlich wissen: Wo andere Menschen in Drogerien eskalieren und plötzlich hundert Euro für Badebomben und Sheet-Masken mit lustigem Aufdruck ausgeben – so geht’s mir mit Baumärkten.

Und es kam, wie es kommen musste: Vollbepackt und glücklich, das Schuhregal in der einen, zwei neue Pflanzen in der anderen Hand und mit einem überquellenden Rucksack voll mit irgendwelchem Zeug, stieg ich beseelt in den Bus nach Hause. Spätestens jetzt war klar: Der V-Markt ist mein Münchner Seelenort. Hier ist die Welt einfach verdammt noch mal in Ordnung! Hier sind wir alle gleich, ob jung, alt, arm, reich! Der V-Markt macht keine Unterschiede! Hier ist für jeden was dabei!

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