Viertel Hoch Drei – Obergiesing

Wir fragen drei Leute nach ihren liebsten Orten – Cafés, Parks, Kneipen, Läden, Restaurants, was auch immer ihnen in den Sinn kommt. 3 Menschen, 3 Orte, 1 Viertel. Diesmal waren wir in Obergiesing unterwegs.

An den Häuserwänden steht "Gentrifizierung angreifen" und "Mieten runter", die Boazn-Dichte ist extrem hoch und man findet Läden, bei denen man sich fragen muss: „Was zum Geier verkaufen die hier?“ oder "Verkaufen die hier überhaupt noch irgendwas?" Und doch rücken die hippen Bars und Restaurants, die Yoga Studios, die Bioläden und all das was bisher weitestgehend auf der anderen Seite der Isar geblieben ist, beständig näher.

Ja, das urige Obergiesing ist im Wandel. Das kann man gut finden, das kann man schlecht finden. Fest steht, dass in Obergiesing die Uhren trotzdem noch ein bisschen anders ticken. Da bekommt man schon noch mal eine Halbe Bier für 2,80 Euro und im Italiener seines Vertrauens läuft seit 15 Jahren Tag ein Tag aus die gleiche Italo-Schnulzen-Platte. Es ist alles nicht so hektisch und schick, man lebt hier eben in den Tag hinein. Präsentieren, flanieren und sich als etwas Besseres fühlen kann man in anderen Stadtteilen machen. Damit hat Obergiesing nichts am Hut.

Michi (24) wohnt seit sechs Jahren im Viertel

Obergiesing
© Simone Mauer

Als Michi mit 18 Jahren aus dem Haus seiner Eltern in Gauting auszog und eine WG in Obergiesing seine erste eigene Bleibe nennen konnte, war die darauf folgenden Wochen und Monate natürlich erst mal ordentlich auf den Putz hauen angesagt. Dass es ihn ausgerechnet nach Obergiesing verschlagen hat, war mehr vorbestimmt als reiner Zufall. Seine jetzige Wohnung gehört seiner Tante und schon sein Großvater wuchs im Viertel auf, als es noch den Obergiesinger Hundemarkt gab, auf dem Züchter ihre Hunde ausstellten.

In den letzten sechs Jahren hat sich im Viertel einiges verändert: Der Design-Student bemerkt vor allem, dass die mysteriösen schwarzen Aufkleber mit der gelben Aufschrift "Scheiss Neu-Giesinger Yuppies" mehr geworden sind und in fast jeden alten Laden, der schließt ein neues, hippes Ding Einzug hält. Trotzdem hat die Gentrifizierung noch nicht vollends zugeschlagen. Es gibt beispielsweise noch keinen coolen Nachtclub in Obergiesing. Eine Tatsache um die Michi ganz froh ist. Wenn er Lust auf Clubbing hat, schwingt er sich lieber auf sein Fahrrad und lässt sich innerhalb von zwei Minuten den Giesinger Berg schnurstracks ins Glockenback runter rollen.

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Obergiesing

© Simone Mauer Halbe für 2,80 Euro trinken im Top Bar 92

Was soll man zu einer Bar mit solch grandiosem Namen noch sagen? Kann eigentlich nur top sein! Besagte Giesinger Bierpreise von 2,80 Euro die Halbe finden sich genau hier. Zudem tummeln sich in dieser unaufgeregten Kneipe die unterschiedlichsten Menschen: Studenten, alteingesessene Giesinger oder Leute mit Gesichtstattoos. Aus den Boxen tönt solider Deutsch-Rap, es gibt eine Playstation und der Mann hinter der Bar begrüßt einen auch mal mit Handschlag – das ist Obergiesing.

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Bars Giesing Au

© Café Schau ma moi Schau ma moi

Zum urigen „Schau ma moi“ direkt an der Tegernseer Landstraße gehört ein kleiner Gastraum mit Bar und ein entzückender Biergarten, mit einem stattlichen Baum und ein paar Bierbänken darunter, sowie ein recht zusammengewürfeltes, kunterbuntes Sammelsurium an Sitzgelegenheiten. Durch eine Mauer abgetrennt ist es hier trotz angrenzender Hauptstraße erstaunlich ruhig. Abends wird es im „Schau ma moi“ ziemlich voll und in regelmäßigen Abständen finden Lesungen und Konzerte statt.

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Obergiesing

© Simone Mauer Absacker und Fertigpizza in der Hellbar Angelo

Die Bar Angelo hat Wohnzimmercharakter und ist für Giesinger DIE Adresse, wenn früh morgens nichts mehr im Umkreis offen hat, man aber noch einen Absacker vor dem Schlafengehen benötigt. Der Inhaber Angelo ist gefühlt rund um die Uhr hinter der Bar und dabei stets freundlich-brummelig. Kurz vor fünf Uhr morgens kann man sich hier schon gut angeheitert auf die blauen Sofas lümmeln, eine Runde Dart spielen und noch schnell eine Fertig-Pizza verspeisen, bevor es ab in die Heia geht.

Katharina (28) lebt seit 6,5 Jahren im Viertel

Obergiesing
© Simone Mauer

Momentan studiert die Gold- und Silberschmiedemeisterin "Schmuckdesign" in London, kommt aber alle drei Wochen zurück in die Heimat und hat daher ihre Wohnung gemeinsam mit ihrem Partner in Obergiesing behalten. Die Metropole London hat zweifelsohne ihre reizvollen Seiten und doch hängt Katharinas Herz sehr an München und eben auch an ihrem Viertel. Daran schätzt sie insbesondere eine gute Mischung aus „alt und neu“, das lässige und unkomplizierte Lebensgefühl, die gute Verkehrsanbindung in die Innenstadt und sämtliche Einkaufsmöglichkeiten direkt vor der Nase.

Nicht zu vergessen, dass die Luft in Obergiesing noch weitestgehend smog-frei ist, im Gegensatz zum hektischen London. Das Haus in dem Katharina lebt, ist denkmalgeschützt, so wie viele andere Gebäude in Obergiesing auch. So schnell wird sich also das Gesicht des Viertels nicht ändern. Wenn sie in München ist und das Wetter passt, joggt die Schmuckdesignerin gerne ihre Lieblingsrunde runter bis zum Tiergarten, wo man sogar einen Blick in die Gehege erhaschen kann.

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© Pexels Künstlerbedarf und Spezi im Schreibwaren Müller

Für waschechte Obergiesinger scheint das von außen eher unscheinbare Schreibwarengeschäft eine echte Institution zu sein. Das Vater-Sohn Inhabergespann erfreut sich bei den Anwohnern großer Beliebtheit und ist weit und breit bekannt. Im Laden können sich insbesondere Kreativlinge freuen, denn es gibt einen erstaunlich großen Künstlerbedarf zum fairen Preis und fachkundiger und freundlicher Beratung obendrauf. Und mit einem Kühlschrank gefüllt mit Bier und Spezi bleiben in diesem mit Liebe geführten Laden wirklich keine Wünsche mehr offen.

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Obergiesing

© Simone Mauer Osteria La Corte dell‘ Angelo

Das kleine italienische Restaurant mit dem langen Namen liegt etwas abseits der größeren Straßen. Ein wahrer Geheimtipp sozusagen. Man kann sowohl drinnen, wie draußen speisen und wird dabei, wie es sich für einen waschechten Italiener gehört, noch ordentlich mit Eros Ramazzotti beschallt. Die Pasta wird eigenhändig und frisch zubereitet und schmeckt wie von Mama. Reservierungen sind meist nicht notwendig, also kann man ganz spontan vorbeischneien, wenn der Kühlschrank mal wieder nichts hergibt.

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© Simone Mauer Obst, Gemüse und Kräuter kaufen in Gretels Markt

Das frische Obst und Gemüse liegt hier noch ganz oldschool unabgepackt und unausgeleuchtet in den Regalen. Man kann sich also jederzeit so viel oder wenig in sein Körbchen legen wie man möchte und dabei auf nervige Plastikverpackungen verzichten. Die Auswahl der Lebensmittel ist ordentlich und vor allem Liebhaber von Schnittblumen und frischen Kräutern, die man hier übrigens sogar vorbestellen kann, kommen in dem Laden mit 70er-Jahre-Charme voll auf ihre Kosten.

David (31) arbeitet seit 6 Jahren im Viertel

Obergiesing
© Simone Mauer

David wuchs in Obergiesing auf und gehört zu den Menschen, die das Viertel schon ihr ganzes Leben lang beobachten konnten. In seiner Kindheit war der Fußballplatz an der Zugspitzstraße, an dem schon Franz Beckenbauer trainiert hat, der Hotspot schlechthin. Viele seiner ehemaligen Klassenkameraden haben mittlerweile ihre eigenen Läden, Lokale und Bars in Obergiesing. Fast alle sind ihrem Viertel treu geblieben, auch wenn sie zwischendrin mal in die weite Welt gezogen sind.

Für David ist Obergiesing immer noch eine Art Dorf mit Arbeiterviertelcharakter und Multikulti-Charme, wo man gut und gerne den ganzen Tag mit Blaumann durch die Gegend laufen kann und keiner die Nasse rümpft. Wenn man sein ganzes Leben hier verbracht hat, kennt man auch so gut wie jeden, hat sich früher im Hertie gemeinsam den ersten Schulranzen oder die ersten CDs gekauft und trifft sich jetzt auf der Straße oder im eigenen Laden wieder. Auch wenn viel Neues hinzukommt, bleiben die echten Obergiesinger wie sie sind und machen das Lebensgefühl im Viertel aus.

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© Simone Mauer David Fechner Friseur & Barbier

Seinen ersten Laden eröffnete David vor gut sechs Jahren in der Edelweißstraße, damals noch mit recht schlichter Einrichtung, aber einer großen Vision: Er wollte das Friseurhandwerk, wie es in vergangenen Zeiten gelehrt und gelebt wurde, wieder zum Leben erwecken. Sein Friseurmeisterbetrieb wurde unter anderem dadurch bekannt, dass er der erste in München war, der sich professionell um die Bärte der Herren kümmerte. Mittlerweile hat sich sein Betrieb stark vergrößert und ist in die Wendelsteinstraße umgezogen. Herren wie Damen befinden sich hier bei den Profis in den besten Händen und der Salon besticht durch feine Details und Möbeln aus vergangenen Zeiten und den unterschiedlichsten Orten.

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Ambar Bistro

© Ambar Bistro Neapolitanische Köstlichkeiten im Ambar Bistro

Das Ambar ist ein kleines, sehr ansehnliches Bistro an der Tegernseer Landstraße. Serviert werden neapolitanische Köstlichkeiten, der Inhaber versprüht italienische Lebensfreude und heißt alle seine Gäste, egal wo sie herkommen oder wie sie aussehen willkommen. „Ciao Ragazzi“ gilt eben für alle und diese Herzlichkeit lockt neben dem delikaten Essen und den über hundert verschiedenen Biersorten immer mehr Gäste nach Obergiesing. Bei einem Besuch sollte man sich die gefüllte Paprika und eine fachkundige Beratung zu den Getränken des Hauses nicht entgehen lassen.

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Obergiesing

© Upper Eat Side Upper Eat Side Geschlossen

Ein einmaliges Preis-Leistungsverhältnis wird der Tapas Bar an der Werinherstraße nachgesagt. Die raffinierten Vorspeisen wechseln wöchentlich und bestehen mitunter aus selbstgemachtem Brot und einem Risotto des Tages. Als Hauptgang gibt es Fisch oder Fleisch, gerne auch mal vom Ochsen, welche ab zwei Personen am Stück zubereitet werden. Dabei sollen Sprüche fallen wie: „Das Fleisch kannst dir selber schneiden, wir sann da in Giesing“. Gehobene Küche und Giesinger Lässigkeit machen das Upper Eat Side eben aus.

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