Der schlimmste Tag des Jahres: Die After-Wiesn-Depression

© Nina Vogl

Aus isund gar is’ und schad is’, dasswahr is’. Die Wunderkerzen beim großen Wiesnfinale gingen gestern aus, die Heizung in meiner WG an. Was nun folgt ist die schlimmste Zeit des Jahres. Mein Aschermittwoch im Oktober. Meine Fastenzeit in allen Belangen. Der abrupte Beginn der stadnZeit: Die Afterwiesndepression. Ein Phänomen, welches nur für in München lebende Menschen ein Begriff ist. Es ist für Touristen nicht nachvollziehbar.

Wie auch? Die Wiesn ist ein Ausnahmezustand für die ganze Stadt. Weit über die Theresienwiese hinaus. Sie tangiert Beziehungen, Gesundheit, Geldbeutel und Firmenperformances. Sie fordert den gesunden und geschundenen Menschenverstand. Der Wahnsinn ist jetzt wieder vorbei. Jetzt beginnt viel, viel mehr als einfach nur die Zeit nach einem Volksfest. Meine Endorphinspeicher sind kreide leer. Der Wäschekorb voll. Pfiat di und Servus, liebe Haferlschuh!

München wird zum menschlichen Übergangsjäckchen. Ohne konkrete Mission. Nix gscheit’s. Wie sieben Tage Montag.  

Die medizinische Einordnung für einen Kater lautet unter anderem „allgemeines Unwohlsein.“ Das passt. Denn für mich beginnt nun ein wochenlanger Kater. Wochenlanges Unwohlsein.  Auf einen Schlag realisiere ich die herbstliche Kälte und den frühen Sonnenuntergang.

Gestern noch das Grande Finale des Sommers. Und heute beginnt der Rest des Jahres. Der Herbst des Lebens. Es ist der volle Kontrast. In your face! Ein Hard-Cut im Leben eines jeden Münchner Wiesngängers. Bis ich mich wieder aus dem Haus traue, also quasi bis zum ersten Weihnachtsmarkt, ist München ein menschliches Übergangsjäckchen. Ohne konkrete Mission. Nix gscheit’s. Wie sieben Tage Montag.

Auf einmal ist alles fad wie eine emotionale Blade Night.

Nachdem ich mich 18 Tage durch die vollen Gänge der Wiesn quetschte, jeglichen unfreiwilligen Körperkontakt mit der Normalität dieser verrückten Zeit wegargumentierte, beginnt nun die Zeit der kleinen Grüppchen. One-on-Ones im Freundeskreis statt großes Wiedersehen mit alten und neuen Bekannten. Früchtetraum-Tee statt Schokoapfel. Abendreservierung im Couch-Zelt. Fad wie eine emotionale Blade Night.

18 Tage war es vollkommen wurscht, wie das Wetter wird. Es hätte schneien können. Bodenfrost. Irma. Alles. Ich hätte trotzdem meine kurze Lederhose angezogen. Denn die Wärmerezeptoren im Beinbereich können interessanterweise einfach ausgeschaltet werden.

Und plötzlich bestehen die Frauen wieder aus 80 Prozent Schal und 20 Prozent Ugg-Boots.

Fast drei Wochen Schlafentzug. Drei Wochen dieses verlogenenur mal Drüberlaufen. Nur kurz in den Biergarten. Nur zwei Mass.“ Drei Wochen eine gut gespülte Kehle. Mit Bier aus schlecht gespülten Gläsern.

Und dann auch noch das: Wunderschöne Frauen zeigten 18 Tage lang in ihren noch wunderschöneren Dirndl ihre wunderschönsten Dekolletees. Ab heute bestehen sie wieder zu 80 Prozent aus Schal. Und 20 Prozent Ugg Boots. Die Blumenkränzchen werden nun mit der Strickmütze getauscht. Und das so lange, bis die Krokusse an Ostern blühen. Es ist so schlimm. Es ist die After-Wiesn-Depression.

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