Können wir bitte damit aufhören, immer nur Kaffee trinken zu gehen?

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Alle sind schuld. Die mit den Kohlefaserlampen und der aufgeräumten Atmosphäre. Die mit den samtweichen Ohrensesseln und dem liebevollen Chaos drum herum. Die mit den noch warmen Kuchen und der frisch geschlagenen Sahne, die mit den eigenen Röstereien und Bohnen zum Kaufen. München hinkt in so vielen Bereichen anderen Millionenstädten hinterher, aber mindestens eine Sache funktioniert hier richtig gut: Die Cafészene.

Wo ich im Urlaub und bei Städtetrips oftmals Cafés mit dem gewissen Extra suchen muss, mit heimeliger Atmosphäre in Anlehnung an Omas Wohnzimmer oder dem umgesetzten Deli-Trend aus New York, habe ich in München so viele zur Auswahl, dass ich gar nicht hinterherkomme. Deshalb sitze ich ständig im Café. Weil ich Kaffee liebe, weil ich Kuchen liebe, weil ich gerne Menschen beobachte und weil es halt das ist, was man macht: sich zum Kaffee trinken verabreden.

All die schönen Cafés mit den Fair Trade-Bohnen und der Biolimonade verlieren ihren Zauber der Einzigartigkeit, weil ich sie so oft besuche.

Gestern beim Mittagessen in einem Restaurant erzählte ein Mann am Nebentisch, dass seine Freundin fünf Tage die Woche mit ihrer Arbeitskollegin Schrägstrich Freundin zusammenarbeitet, um dann am Samstagnachmittag sich mit ihr zum Kaffee trinken zu verabreden. „Die machen nichts anderes und ich versteh’ es nicht! Die haben sich doch schon längst nichts mehr zu erzählen“, sagte er und ich musste grinsen, weil ich es selbst so gut kenne.

Kaffee trinken gehen ist meine Nummer eins in Sachen Freizeitgestaltung. Aber langsam fühlt es sich ein bisschen abgenutzt an. Und all die schönen Cafés mit den Fair Trade-Bohnen und der Biolimonade verlieren ihren Zauber der Einzigartigkeit, weil ich sie so oft besuche. Das ist ein bisschen wie damals mit der Maxi CD: Du hast das immer gleiche Lied rauf und runter gehört, weil du es abgöttisch geliebt hast und weil es schließlich zur Gewohnheit wurde. Der Remix auf der B-Seite klang wie ein billiger Abklatsch des Originals, also bist du beim Altbewährten geblieben. Bis es irgendwann fad wurde.

Nachmittags im Café sitzen und uns dann mit den Worten „bis später!“ verabschieden, weil wir abends gemeinsam in der Bar sitzen.

Und ich finde Kaffee trinken gehen mittlerweile fad. Nicht weil ich das Getränk nicht mehr liebe, sondern, weil ich mich frage, ob wir mit unseren Freunden nichts anderes unternehmen können, als nachmittags im Café zu sitzen und uns dann mit den Worten „bis später!“ verabschieden, weil wir abends gemeinsam in der Bar sitzen. Natürlich kann man sich dabei eben am besten unterhalten, aber um ehrlich zu sein, kreisen die Gespräche ja dann doch oftmals um die gleichen Themen: Arbeit, Beziehung, Urlaub und was gerade nicht so funktioniert, wie wir uns das vorstellen. Was dabei total verloren geht, ist genau das, was als Kind durch eine Vielzahl an Hobbys und Aktivitäten angesammelt wurde: gemeinsame Erinnerungen. Weil wir nicht nur über Dinge geredet, sondern sie gemacht haben.

Eine Freundin fragte mich kürzlich, ob ich mit ihr spazieren gehen möchte und ich überlegte, ob wir nicht gleich ins Münchner Umland fahren sollten, in die Natur gehen, egal bei welchem Wetter, egal, wo wir herauskommen und was uns erwartet. Oder wir könnten anstelle des nächsten Restaurantbesuches zuhause kochen. Ganz oldschool mithilfe eines Kochbuchs, ein Gericht, das wir beide noch nicht kennen, ach was, ein Drei-Gänge-Menü!

Was dabei total verloren geht, ist genau das, was als Kind durch eine Vielzahl an Hobbys und Aktivitäten angesammelt wurde: gemeinsame Erinnerungen.

Die Vorstellung, wieder mehr Möglichkeiten in mein Leben zu lassen, als Samstagnachmittag Kaffee trinken zu gehen, macht mich gerade ziemlich glücklich. Und damit tue ich auch noch etwas für die Gemeinschaft, denn: Ein Tisch wird frei in einem der vielen überfüllten Cafés und andere Menschen freuen sich, dass sie ohne Reservierung doch tatsächlich noch ein spontanes Kaffeedate realisieren konnten.

Ich versuche mich derweil mal wieder an Hobbys und Tätigkeiten jenseits der Vereinsmeierei: raus in die Natur gehen, mehr selbst kochen, öfter wieder zu Livekonzerten gehen, mehr sozial engagieren, gemeinsam eine Sprache lernen – einfach mehr machen und das miteinander zu teilen. Dann kann ich nämlich demnächst zu meiner Freundin sagen, „weißt du noch, als wir uns entschieden haben, samstags mit zwei Hunden aus dem Tierheim Gassi zu gehen, anstelle von „weißt du noch, als wir damals in diesem einen Café saßen“.

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