Stets bemüht – Ein Resümee nach dem Lovelace-Closing

Die Erwartungen waren hoch an den letzten Abend im Lovelace. Begriffe wie „Closing“, „Abrissparty“ und Co. versprachen die beste Party des Jahres – da war 2019 gerade mal fünf Tage alt. Fast 30.000 Menschen interessierten sich im Vorfeld schon auf den diversen Facebook-Events für dieses „Hotel Happening“.

Ein Hotel schließt. Kopfkino: Drecksauparty, Leichtigkeit, Scheißegal-Gefühl, auf den Betten hüpfen. Ausrasten, night to remember, früh halb zehn, open end. Randale, Liebe, Frieden, Wehmut. Stop! Falscher Eingang. „Mit Ihrem Online-Ticket müssen Sie zu Eingang zwei!“ Okay. Aber jetzt! Die 35 Euro an der Abendkasse sollten schließlich mehr als nur eine Party mit sich bringen. Tanzen, Trinken, Flirten, Freiheit, Sein. Woohooo.

Denn bevor es auf den Dancefloor geht, macht der Münchner genau das, was er am besten kann: Schlange stehen.

Die Realität an solchen Abenden, an denen München doch so gerne auch mal dreckig, frei, unorganisiert und easy sein will, holt einen schnell ein. Denn bevor es auf den Dancefloor geht, macht der Münchner genau das, was er am besten kann: Schlange stehen. Egal ob beim Ballabeni, vor dem Schützenzelt, im Blitz (zumindest am Anfang) oder im KVR (immer) – der Münchner wartet. Genau das war das Problem. Denn erst nach dem die Garderobe Nummer 1 voll war, begab man sich zur zweiten. Jacke abgeben. Jetzt aber! Fiesta.

The Lovelace
© The Lovelace

Auf dem Papier hörte sich die Party an wie im Bilderbuch: Über 30 Künstler, neun Floors und vier Etagen! Doch wo war sie denn, die Drecksauparty? Wenn mal ein Gefühl von „Nachts alleine im Hotel“ aufkam, stand da ein Security und regelte den Verkehr – im Treppenhaus. Kein Scheiß. Natürlich Vorgabe vom KVR und sicher auch nachvollziehbar. Aber wann kommen die ersten Fußgängerampeln auf Partys? Und wann kann man auf der Tanzfläche reservieren?

Die Party wurde besser, aber auch nicht spektakulärer als ein Pinakotheken-Besuch im Suff. Rumlaufen, schauen, Bier trinken. Heim.

Auf allen Floors wurde getanzt, geschaut, fotografiert und gewartet. Darauf, dass im „Hotel Happening“ etwas passiert. Die Gäste wollten entertained werden – wie so oft. Hoffentlich macht irgendjemand mal was Verrücktes. Hoffentlich sehe ich etwas Tolles zum Fotografieren. Geile Story, #restinlovelace. Willkommen im Münchner Party-Zoo.

Die Party wurde mit späterer Stunde besser, lockerer und auch ein bisschen wilder. Keine Frage. Aber dennoch nicht spektakulärer als ein Pinakotheken-Besuch im Suff. Rumlaufen, schauen, Bier trinken. Heim.

The Lovelace
© The Lovelace

ABER: Bei all der Kritik zu diesem letzten Abend muss man dennoch eines festhalten. Das Lovelace war einmalig in München. Es war ein mutiges Projekt und es war geil. Trotzdem wurde die Euphorie um das Projekt immer wieder schaumgebremst und es stand die Frage im Raum: Für wen ist das hier eigentlich? Da gab es Konzerte, Yoga-Sessions, Polit-Talks, veganen Brunch, aber auch wilde Partys im Zwickl Apartment (aber meistens nur, wenn man auf der Gästeliste stand) oder Boxtraining. Mal war es kostenlos, mal war man mit Eintritt und einem Drink schnell mal fünfzig Euro los. Mal lief alles rund, mal scheiterte die fette Sause schon an der überforderten Garderobe.

Im Praktikumszeugnis würde stehen: Es war stets bemüht.

Doch darf man sich überhaupt anmaßen, dieses Monsterprojekt zu kritisieren, das Lovelace konzeptlos nennen und über teils chaotische Zustände meckern? Oder ist man dann genau der Münchner, der frei, wild, unorganisiert und dreckig will, aber nur, wenn die 500 Euro-Jacke in Sicherheit ist und die Stimmung und den Dreck jemand anderes (weg)macht? Vermutlich gab es kaum eine Zwischennutzung in München, über die die Meinungen so auseinandergegangen sind. Die einen himmelhoch jauchzend, die anderen eher so "Wenn ich könnte, würde ich mit null Sternen bewerten".

Eine Sache ist dennoch klar: Das Lovelace war anders. Und hat das auch wirklich angestrengt versucht. Nur um am Ende eben wieder auf dem glatt polierten Münchner Boden der Tatsachen zu landen. Im Praktikumszeugnis würde stehen: Es war stets bemüht. Und trotzdem reiht sich dieses fette Projekt ein in die Liga der Zwischennutzungs-Legenden – Art Babel, Puerto Giesing, Awi, Lovelace. Achja, liebes München: Was folgt ist ein 100-Millionen Ultra-Luxus-Hotel. This is really happening.

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