For the culture #2: Conny Mirbach fotografiert das Drumherum

© Daniel Nguyen

München ist viel mehr als Oktoberfest und FC Bayern, das wissen wir alle. Weniger offensichtlich ist die feine Subkultur, die sich durch unsere Stadt zieht. Wo skatet diese Frau hin, wo sprayt dieser Typ, welche Band formt sich gerade in dieser Zwischennutzung? Am Ende steht meist ein neues Video, ein neues Piece oder ein neuer Song, aber wie kommt es dazu – und wer sind die Menschen, die uns die Kultur schenken? Unser neues Format "for the culture" will Münchner*innen eine Bühne geben, die sonst eher im Hintergrund arbeiten. Kreativ, außergewöhnlich, wichtig! Chris Bradl porträtiert: Conny Mirbach.

Als Facebook noch der Nachfolger von Lokalisten war, kamen gefühlt alle starken Porträtaufnahmen im Feed aus einer Linse. Jetzt, da Instagram der Nachfolger von Facebook ist, verliert man vor lauter Storys gerne mal den Überblick. Und dennoch stammen immer noch auffallend viele schöne Fotos von Münchner*innen aus der Kamera eines Mannes: Conny Mirbach.

Leichtigkeit und Tiefe

Seine Bilder haben fast immer eine Leichtigkeit, sind licht und warm und gleichzeitig mit einer unaufdringlichen Tiefe versehen. Wie geht das zusammen? Wie erschafft man diese Stimmung? Conny Mirbach kommt aus der Skate-Szene, wurde erst selbst fotografiert und hat dann angefangen, die anderen festzuhalten. Dabei war ihm nie der Sport, der Trick am wichtigsten, sondern der Vibe. Er wollte das Drumherum einfangen, eben die Stimmung zum Zeitpunkt der Aufnahme widerspiegeln. Was wie ein Grundsatz der Fotografie klingt, ist bei Conny aber deutlicher zu spüren, als bei anderen Vertreter*innen seines Fachs.

© Daniel Nguyen
© Daniel Nguyen
© Daniel Nguyen

Ein Fach übrigens, zu dem er eher zufällig gekommen ist. 1987 in der Nähe von Hamburg geboren, zog Conny nach der Schule nach München und studierte dort nicht etwa Fotografie, sondern Architektur. Beides ästhetische Disziplinen, klar, aber der Architekturstudent Mirbach merkt relativ schnell, dass er keine Häuser oder Innenräume planen will. Bei der Aufgabe, einen Stuhl zu vermessen, kommt er erstmals mit dem Fotografieren in Verbindung. Durch das Skaten war zwar oft mal eine Kamera in seiner Nähe, aber er bewegte sich eher davor als dahinter. Jetzt dämmert es ihm, dass das vielleicht spannender sein könnte.

Zuerst dokumentiert er einfach die Skate-Touren, auf die er ohnehin gehen würde. "Damals hab ich sehr klassisch angefangen. Reportagig, schwarz-weiß, auf Film." Immer mehr Menschen sehen die Aufnahmen und zu einem Hobby gesellt sich langsam ein neuer Job. Vor allem die SZ und deren Sparte "Junge Leute" beauftragen Conny immer häufiger. Er wandelt zwischen Interrail-Reportagen am Schwarzen Meer und Porträts von Münchner Jung-Kreativen.

Ich habe mich tatsächlich nie irgendwo beworben.

"Ich hab dann mit der Architektur ganz aufgehört und Fotodesign an der FH angefangen. Nebenbei gab es die ersten Fotoassistenzen. Ich hab's ziemlich ernst genommen, weil ich wusste: Das ist jetzt meine Welt, ich will das professionell machen." Das war vor circa zehn Jahren. Sein Studium macht er zwar nicht fertig, aber gelangt über einen Dozenten aus der Wirtschaft an einen Wendepunkt. Dessen Agentur betreut damals Mercedes und als bei einem Shooting kurzfristig der Lead-Photographer ausfällt, bekommt Conny den Auftrag. Mercedes, Riesenprojekt, Fotos für die Startseite – natürlich nicht der schlechteste Startschuss.

Es folgen Engagements als Hausfotograf für die Kammerspiele in München und für das Staatstheater in Stuttgart. "Ich bin da immer irgendwie so reingerutscht, alles hat sich ergeben. Ich habe mich tatsächlich nie irgendwo beworben." Soll noch einer sagen, Conny Mirbach fotografiere nur Skater*innen oder Autos. Der Fokus liegt natürlich auf den Menschen, und durch seinen Wohn- und Schaffensort sind das eben häufig Münchner*innen. Besondere Geschichten, authentisch festgehalten.

© Daniel Nguyen
© Daniel Nguyen
© Daniel Nguyen

"Das Gros der Leute in München ist zwar schon traditioneller und die Stadt hat viele Klüngel, selbst in der Szene über unserer Altersgruppe gibt es die. Aber ich habe das Gefühl, dass in den letzten Jahren mehr Austausch stattfindet, die Stadt wird internationaler." Gleichzeitig weiß Conny schon auch, dass man sich gut auskennen muss, um die alternativen Leute und Ecken zu kennen. Es gibt einfach nicht zu viele. "Dafür sind die Kreativen in München ziemlich gut. Das künstlerische Niveau ist hoch. Larifari reicht in München einfach nicht, um dein Leben zu finanzieren oder dich durchzusetzen."

Es geht ums Drumherum

Er selbst hat am Anfang einfach super viel fotografiert, unabhängig von Prestige oder Bezahlung. Ein Freund studierte an der Otto-Falckenberg, nach und nach hatte er die ganze Klasse aufgenommen. Der 34-Jährige Fotograf hat sich in den letzten Jahren viel rumgetrieben, viele Menschen getroffen und durch seine Linse kennengelernt. Seit Corona sieht man ihn zwar nicht mehr so oft bei irgendwelchen Happenings, dafür sitzt er jetzt länger im Café Fortuna oder ist auf entspannt mit dem Skateboard unterwegs. Da interessiert ihn weder der Ort oder der krasseste Trick, er mag es einfach, wenn sich das Skaten ins Urbane einfügt. Wie bei der Fotografie geht es Conny Mirbach schlussendlich um das Drumherum.

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Idee & Umsetzung: Chris Bradl
Artwork: Clara Knör
Fotos: Daniel Nguyen

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