Nichts suchen, alles finden: "Der Kiosk" bringt Tante-Emma-Gefühl nach Laim

© Dominik Schelzke

München ist nicht gerade für seine Kioske bekannt. Klar, es gibt den Reichenbachkiosk oder das Milchhäusl, aber eine Mode ist das nicht gerade. Und von Spätis wollen wir gar nicht erst anfangen. Die meisten Kioske befinden sich in U-Bahn-Zwischengeschossen oder genau dort eingeklemmt, wo man sie nicht findet, wenn man sie einmal sucht. Dabei hätten sie sogar alle das gleiche Erkennungsmuster. Die farbige Dreifaltigkeit aus grün (Süddeutsche Zeitung), blau (Münchner Merkur) und rot (tz), eingepackt in beißendes Geschenkpapier aus Lottofarben.

Zwei solcher Muster finden sich auch in Laim, genauer in der Friedenheimer Straße. Eine lange Asphaltgerade, deren Namensgebung nahe an Perfektion heranreicht. Es ist sehr friedlich und ganz offensichtlich heimelig. Hier wohnen die Leute. Auf dem kurzen Spaziergang von der U-Bahn-Station begegnen mir Mütter mit ihren Kinderwägen, alte Männer, die Teppiche auf dem Balkon ausklopfen und sogar ein kleiner Junge, der mir einen Schneeball zukickt. Leider zerbricht die Kugel genau vor meinen Füßen, diesen Doppelpass hätte ich gerne gespielt.

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Der erste Kiosk befindet sich an der Kreuzung zur Camerloher Straße und viel mehr kann man dazu nicht sagen. Kippen, Kaffee, Kiosk halt. Der nächste seiner Art hat zwar auch ein Lotto-Schild und verkauft Zeitungen, aber schon auf den zweiten Blick fällt auf, dass hier neues Leben eingezogen ist. Und zwar in Person von Ami Warning und Matthew Austin. Bevor sie gemeinsam mit Amis Mama Katja im September 2020 den Kiosk aufgemacht haben, kannte man die beiden als Musiker*innen auf Münchens Bühnen. Sobald Corona das zulässt, sehen wir sie dort auch wieder – dann halt auch als Kioskbetreiber*innen.

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“Der Kiosk”, wie sie ihren Eckladen minimalistisch genannt haben, war so eigentlich nicht geplant, eine komplette Schnapsidee war es aber auch nicht: “Wir wollten eine Bar oder ein Café aufmachen, aber die Location, die wir uns ausgesucht hatten, wollte keine Gastro mehr. So haben wir uns erst richtig umgesehen und sind dann auf diesen Laden gestoßen. Wieder keine Gastro, aber irgendwie hat sich die Idee mit dem Kiosk plötzlich richtig angefühlt. Schicksal.”

Was Matthew Schicksal nennt, könnte man ohne Übertreibung auch Glück nennen. Als junges Paar im Herbst 2020 eine Bar aufzumachen, retrospektiv wohl eher schwierig. “Als Paketstation sind wir an Weihnachten zwar auch nicht reich geworden, aber immerhin hatten wir offen”, meint Ami. “Und es gibt eigentlich auch einen Schlüssel, wie man mit einem Kiosk Geld verdient, aber wir machen eher so Mischkalkulationen.” Am Ende sollen sich die Kinder ja für wenig Taschengeld trotzdem was leisten können.

Hier kommt wirklich jeder her, die Mischung ist überragend!

Das ist auch das Erste, was mir im Kiosk begegnet: Drei kleine Mädchen, die sich sehnsüchtig über die Töpfe der Süßigkeitenecke lehnen. “Ich hätte gerne drei von den Fröschen. Ach ne, doch lieber nur zwei, aber dafür auch zwei Schlümpfe!” Gefühlt eine halbe Stunde später kuratiert Ami immer noch lächelnd die kleinen Papiertüten, die Mädchen zahlen 70 Cent – man möchte fast Pfennig denken – und verlassen glückselig den Laden. Als nächstes kommt eine komplett in rot gekleidete, ältere Lady und holt die größte Crossaintbestellung ab, die ich je gesehen habe. Sie wird abgelöst von einem Studententyp, der was von blauem Pueblo nuschelt.

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“Hier kommt wirklich jeder her, die Mischung ist überragend”. Wir stehen vor dem Laden und Matthew rückt die fünf bunten Kartenständer zurecht. Der Kiosk liegt zwischen Schule und Kindergarten, zwischen Wohnblock und Stadthäusern, zwischen irgendwo im nirgendwo und Lebensmittelpunkt Laims. Mama Katja hat ihre Wohnung direkt um die Ecke und ist dementsprechend oft im Laden. Sie besitzt vielleicht am meisten Erfahrung im Service, hat früher zum Beispiel im “Johannis Cafe” gearbeitet.

Trotzdem seien sie alle drei noch Lernende: “Matthew wollte unbedingt Gösser Radler. Wie sich herausstellt, im Winter keine gute Idee. Die Flutschis dagegen sind der absolute Renner.” Auf diese undefinierbaren Plastiktüten voll bunter Flüssigkeit hat Katja ihre andere Tochter gebracht. Diese ist gerade zehn Jahre alt und damit unverzichtbarer Insider, was die Spielzeug-Geschmäcker der Kinder angeht. Der Rest findet sich von alleine. Die ältere Stammkundschaft meldet sich sonst schon. “Wie, ihr habt's keine Gletscherprise?” Lange Gesichter hinter dem Tresen. Nächste Woche dann.

Im Keller entsteht neben der Küche und dem Lager ein kleines Musikstudio

Nicht nächste Woche, aber schon bald will Ami auch eigene Snacks zubereiten oder mal eine Quiche backen. Folgt man ihr die Treppen nach unten, breitet sich neben der unfertigen Küche noch eine zweite Welt aus. Im früheren Lager hängen jetzt schalldichtende Kästen an den Wänden, die beiden Musiker*innen richten sich nämlich gerade ihr Studio ein. “Vielleicht streamen wir auch mal ein kleines Konzert”, meint Matthew. “Ich habe die Kästen selbst gebaut, soll ja nicht nur gut klingen, sondern auch gut aussehen.”

© Dominik Schelzke
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Wieder oben, scheint plötzlich die Sonne durch die großen Fenster und im Licht fangen Matthews hölzerne Regalkonstruktionen erst richtig an zu leuchten. Oder sind es bunten Stifte, das Spielzeug, die Haarreife? “Als wir eingezogen sind, waren die Fenster mit Zeitungen verklebt und die Wände ganz fürchterlich gelb.” Er tippt auf den Lichtschalter. Ein kurzes Knacken und mit dem Neonlicht springt auch der alte Kiosk wieder an.

Bald auch wieder "Papier Boutique"?

Dessen Schriftzug hängt noch über der Tür, “Papier Boutique” heißt es dort. Ein Name als Inspiration. “Der Kiosk” will in Zukunft auch eigene Postkarten und Papiere anbieten. Vielleicht. “Wir haben natürlich noch nicht die Routine, aber gleichzeitig denken wir so auch an eher unkonventionelle Sachen.” Ami kann sich vorstellen, am geschlossenen Sonntag den fahrbaren Tresen nach hinten zu schieben und kleine Lesungen oder Konzerte zu veranstalten. Matthew schielt derweil auf die angrenzende Wiese. “Im Sommer vielleicht sogar ein kleines Nachbarschaftsfestival!” Ich darf mir zum Schluss noch meine eigene Papiertüte zusammenstellen, verlasse dementsprechend glücklich den Kiosk – und weiß plötzlich, dass ich nächstes Mal auch einen zweiten Schlumpf nehmen werde.

Der Kiosk | Friedenheimer Straße 155, 80686 München | Montag: 07.00–15.00 Uhr, Dienstag bis Freitag: 07.30–18.00 Uhr, Samstag 08.00–13.00 Uhr | 089 51739270 | Mehr Info

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