Mein Lieblingsort in München #13: Die Goldene Bar

© Nina Vogl

Wir empfehlen jeden Tag jede Menge toller Locations, ausgesucht von uns und unseren Autoren. Und trotzdem hat jede*r von uns dieses eine immer gleiche Café, in dem er*sie schon seit Jahren draußen seinen*ihren Cappuccino trinkt, den einen See, an den er*sie immer wieder fährt und von dem er*sie einfach nicht genug bekommt oder diese eine Ecke der Stadt, die sein*ihr Herz immer wieder höher schlagen lässt. Hier kommen unsere ganz persönlichen Lieblingsorte in München. Diesmal Pauls Geht-immer-Ort: Die Goldene Bar im Haus der Kunst.

Mein Lieblingsort in München ist die Goldene Bar. Wie Bars überhaupt zu meinen Lieblingsorten gehören. Und weil die Goldene Bar die beste Bar ist, die ich München kenne, ist die Goldene Bar eben mein Lieblingsort in München. In einer Bar ein alkoholisches Getränk zu sich zu nehmen, scheint fast ein basales Bedürfnis des Menschen zu sein. Früher oder später kam jede Kultur auf die Idee, öffentliche Orte zu schaffen, an denen gemeinsam getrunken wird.

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Am besten betritt man die Goldene Bar über den Eingang, der vom Museum aus zur Bar führt. Die Goldene Bar liegt nämlich im Haus der Kunst, direkt am Eisbach. Nicht weil dieser Eingang besonders praktisch ist, sondern weil er der coolste ist. Wenn man zum ersten mal das Museum betritt, fühlt man sich ein wenig Fehl am Platz. Muss man am Schalter nun erklären, dass man keine Karte für die Ausstellung lösen, sondern sich lediglich einen Drink genehmigen möchte? Mittlerweile nicke ich den Mitarbeiter*innen einfach kurz zu und gehe bestimmt durch das Foyer im Erdgeschoss, am Museumsshop vorbei, durch einen großen Torbogen in einen grell beleuchteten Nebenraum und dann rechts unter den dicken schwarzen Vorhängen durch in die Bar.

Am besten betritt man die Goldene Bar über den Eingang, der durch das Haus der Kunst führt. Ein wenig wirkt es, als ob, das Museum nur Tarnung für die Bar sei, wie die MI6-Geheimbüros in James Bond-Filmen

Ein wenig wirkt es, als ob, das Museum nur Tarnung für die Bar sei, wie die MI6-Geheimbüros in James Bond-Filmen. Ob hinter der linken Tür des Nebenraums wohl gerade Q an einem Aston Martin DB5 zugange ist und wartet, sagen zu können “Bringen Sie ihn bitte in einem Stück zurück, 007”? Ich weiß nicht, ob im Nebenraum, der so was wie der Vorraum der Bar ist, auch Ausstellungen stattfinden. Als ich da war, stand er immer leer. Manchmal frage ich mich, ob die Goldene Bar den gesamten Raum pachtet, nur um ihn leerstehen lassen und grell beleuchten zu können.

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Der Moment, an dem man dann in die Bar eintritt, erinnert an die Warmluftgebläse, die Kaufhäuser im Winter an ihren Eingängen einsetzen. Nur mit Atmosphäre und in angenehm. Binnen einer Sekunde ist man woanders. Der Geräuschpegel ist gedämpft, die Einrichtung golden, aber geschmackvoll und das Licht diffus. In einem schlauchartigen Raum stehen einige Sofas und Sofatische, die aussehen, wie aus der Requisitenkammer von Babylon Berlin entwendet. Am Ende dieses Ganges dann das Herzstück der Bar: die Bar. Meistens sitze ich hier am Tresen, wie ich überhaupt am liebsten am Tresen sitze. Wie in allen guten Bars, gibt es hier wortlos eiskaltes Wasser, das immer wieder aus ebenso eiskalten Metallkrügen nachgeschenkt wird.

In einem schlauchartigen Raum stehen einige Sofas und Sofatische, die aussehen, wie aus der Requisitenkammer von Babylon Berlin entwendet.

Soweit ich mich erinnere, läuft in der Goldenen Bar immer die gleiche Art von Musik. Mit einem guten Freund war ich mal vor Jahren und zu Zeiten exzessiven Alt-Jazz-Rap-Konsums in einer Bar, in der ähnliche Musik lief. Er beschrieb das mit hier läuft Musik von Musiker*innen, die die Musiker*innen, die wir hören, samplen. Mir ist bislang keine bessere Beschreibung für diese Art von Musik eingefallen. Passt zum Ambiente, würden manche jetzt sagen. Doch ich habe nie verstanden, wie Musik zum Ambiente passen kann, wo sie doch Teil desselben ist!

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Der Großteil des Personals sieht gekonnt fies aus. In der Summe sehen die Kellner*innen und Bartender*innen immer ein wenig aus, als hätte die Black Pearl Konkurs angemeldet und die Crew sei geschlossen beim Jobcenter aufmarschiert.

Überhaupt geht es bei Bars vor allem ums Ambiente. Ambiente als ein Zusammenspiel von Architektur, Einrichtung, Essen, Trinken, Musik, Gläsern, kristallklaren Eiswürfeln, Duft. Und auch das Personal gehört zum Ambiente und in der Goldenen Bar wird das besonders deutlich. Der Großteil des Personals sieht gekonnt fies aus. Arbeitskleidung sind schwarze Hemden – am liebsten ausgewaschen und ausgeleiert – und schwarze Schürzen, die eher Stofffetzen sind.

Einer erzählte mir bei meinem letzten Besuch mit charmantem Akzent, er sei aus Wladiwostok, der alten russischen Hafenstadt am japanischen Meer. In der Summe sehen die Kellner*innen und Bartender*innen immer ein wenig aus, als hätte die Black Pearl Konkurs angemeldet und die Crew sei geschlossen beim Jobcenter aufmarschiert. Wie sieht wohl so eine Stellenbeschreibung aus? Bartender m/w/d gesucht, Vorkenntnisse in der Piraterie von Vorteil aber nicht zwingend erforderlich?

In der Goldenen Bar trinke ich gerne einen My Buck&Breck, den ich immer falsch ausspreche. Cognac, Bitters, Absinth, Chatreuse und Champagner in einem geeisten Silberbecher.

Gegessen habe ich in der Goldenen Bar bisher nur Ölsardinen. Erstens weil ich, wenn sich die Möglichkeit bietet, meistens Ölsardinen esse und zweitens, weil eine Bar für mich kein Ort ist, an dem man Experimente macht. Auch zu Trinken bestelle ich eigentlich immer die gleichen Sachen, egal in welcher Bar ich bin. Meistens Old Fashioned, oft Sazerac, was eigentlich auch nur ein Old Fashioned mit Absinth ist, und nachmittags oder wenn ich dem Bartender nicht traue Campari Soda oder Whiskey mit Ginger Beer.

Dass ich mich durch Karten wälze und eine Kreation des Hauses bestelle, kommt fast nie vor. In der Goldenen Bar trinke ich trotzdem gerne einen Drink von der Karte und zwar den My Buck&Breck, der einem Bartender aus Berlin gewidmet ist und den ich immer falsch ausspreche. Cognac, Bitters, Absinth, Chatreuse und Champagner in einem geeisten Silberbecher, in dem klassisch auch ein Prince of Wales serviert wird.

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Die Goldene Bar lässt mir meine Gleichgültigkeit.

Am liebsten gehe ich in die Goldene Bar, wenn das Wetter zu schlecht für die Terrasse ist. Und mittlerweile tue ich das nur noch dann. Draußen duftet es mir immer zu sehr nach Weißbier, Aperol und Abdeckstift. Am besten gefällt es mir hier sowieso, wenn kaum jemand da ist. Sonntagmittag im November zum Beispiel. Da gibt es zwar keine Cocktails sondern nur Highballs, doch dann trinke ich eben Horse’s Neck mit Bourbon und Ginger Beer. Manchmal frage ich mich, wie mich Bar-Nerds betrachten.

Ich als Wein-Nerd verachte unbelehrbare und desinteressierte Restaurantgäste gelegentlich, wenn sie immer dieselben bekannten Namen trinken wollen. Doch wenn ich in guten Bars bin, ist mir nun mal vieles egal. Die Goldene Bar lässt mir meine Gleichgültigkeit. Ob ausgerechnet ich das verdient habe? Ich glaube schon, denn obwohl die Goldene Bar das Bar-Ambiente perfektioniert hat, ist sie gar keine richtige Bar im Sinne von Bar-Bar. Zu ernst und sakral nimmt sich die Goldene Bar nämlich nicht. Sie macht zum Beispiel schon morgens um zehn auf und man kann dort Cappuccino trinken.

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Die Goldene Bar, ein Fest fürs Leben.

In Ernest Hermingways Autobiografie Paris, ein Fest fürs Leben heißt es an einer Stelle: Ich ging am Lycée Henri Quatre und der alten Kirche Saint-Étienne-du-Mont vorbei, überquerte die windgepeitschte Place du Panthéon, bog schutzsuchend nach rechts ein, gelangte schließlich auf die Leeseite des Boulevard Saint-Michel und kämpfte mich dort weiter voran, vorbei am Cluny und dem Boulevard Saint-Germain, bis ich an der Place Saint-Michel ein gutes Café erreichte, das ich kannte. Im Café beginnt Hemingway zu schreiben und Rum St. James zu trinken.

Der schmeckte herrlich an diesem kalten Tag, und ich schrieb weiter, fühlte mich prächtig und spürte, wie der gute Rum aus Martinique meinen Körper und Geist durchwärmte. Vielleicht komme ich auch mal nachmittags hierher, wenn meine nächsten Restaurant-Texte nicht sprudeln wollen. Rum aus Martinique haben die Bartender bestimmt auch mal irgendwo erbeutet. Die Goldene Bar, ein Fest fürs Leben.

Die Goldene Bar | Prinzregentenstraße 1, 80538 München | Montag: 10.00–18.00 Uhr, Dienstag–Samstag: 10.00–02.00 Uhr, Sonntag: 10.00–20.00 Uhr | Mehr Info

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