Mein Lieblingsort in München #8: Die grüne Bank in der Barer Straße

© Nina Vogl

Wir empfehlen jeden Tag jede Menge toller Locations, ausgesucht von uns und unseren Autoren. Und trotzdem hat jeder von uns dieses eine immer gleiche Café, in dem er schon seit Jahren draußen seinen Cappuccino trinkt, den einen See, an den er immer wieder fährt und von dem er einfach nicht genug bekommt oder diese eine Ecke der Stadt, die sein Herz immer wieder höher schlagen lässt. Hier kommen unsere ganz persönlichen Lieblingsorte in München.

Mein Lieblingsort in München ist eine Parkbank ohne Park. Dafür mit einem dr(ei)eckigen Grünstreifen im Hintergrund, der in Kennerkreisen nur liebevoll das Kackdreieck genannt wird. Die Bank ist grün. Wie lang sie da schon steht? Wie viele Menschen hier schon gesessen haben? Keine Ahnung. Ich sitze da jedenfalls so gut wie nie. Aber: Ich schaue sie mir seit fast fünf Jahren regelmäßig an, weil ich ziemlich teure Logenplätze habe. Die Bank ist meine Konstante, wie sie da so ruht im Bermudadreieck aus Hipster-Café, ranzliger Boazn und dem Schuster meines Vertrauens. Dort, wo die Maxvorstadt all ihre Gesichter zeigt.

Hier leben tatsächlich noch echte Menschen mit echten Problemen. Und die besprechen, verarbeiten oder schreien sie am liebsten auf der kleinen, grünen Bank heraus.

Das Viertel besteht nämlich nicht nur aus – Überraschung! – Avocado-Bowl, überteuerten Hipster-Bars und schnatternden Studentinnen in Ugg Boots. Hier leben tatsächlich noch echte Menschen mit echten Problemen. Und die besprechen, verarbeiten oder schreien sie am liebsten auf der kleinen, grünen Bank zwischen Barer-, Nordend- und Neureutherstraße heraus. Die dramatischen Szenen, die sich hier teilweise abspielen, wären perfektes Futter für Arthouse-Kino. Heraus käme ein preisgekrönter Film, der dann zweihundert Meter weiter im Isabella-Kino läuft und den keiner sieht. Genau wie sonst keiner sieht, was es mit dieser Bank auf sich hat.

In meinem Fall trifft Voyeurismus auf Mitgefühl, Neugierde auf Empathie. Zum Beispiel, wenn der alte Mann mit der Krücke und den angelumpten Kleidern da sitzt, und jedem, der es hören will – oder auch nicht – von seiner Liaison mit Romy Schneider im Wiener Umland erzählt. "Heute bleibt die Küche kalt, drum geh'n wir in den Wienerwald." – that's what he said. Und ja: Liebe ist überhaupt ein großes Thema auf der grünen Bank.

Winter, Frühling, Sommer, Herbst. Woolrich, Kashmir, Lumpen, Jeans. Der Bank ist das alles scheißegal. Die macht alles mit.

Da liebt der angegraute Geschäftsmann seinen Chihuahua so sehr, dass er ihn von seinem Sandwich abbeißen lässt. Da liebt der Teenager mit dem Skateboard seine Drei-Euro-Pizza von der nächsten Ecke so sehr, dass er niemanden abbeißen lässt. Da liebt die junge Frau die Männer so sehr, dass sie gerne von allen abbeißt. Blöd nur für den Freund, der mit Liebeskummer auf der Bank zurückbleibt.

Ein Fall, in dem man auch mal vom unbeteiligten Zuschauer zum mitfühlenden Helfer wird, der die akute Wunde eines Fremden mit Schnaps ausspült, dem jahrelangen Nichtraucher eine Beruhigungs-Kippe dreht und so Sachen sagt wie: "Andere Mütter haben auch schöne Töchter." Dann klopft man verständnisvoll auf die unbekannte Schulter und sieht sich nie wieder.

Den Rest der Zeit ist und bleibt man aber Betrachter. Winter, Frühling, Sommer, Herbst. Woolrich, Kaschmir, Lumpen, Jeans. Der Bank ist das alles scheißegal. Die macht alles mit. Und während man sich fragt, was mit dem eigenen Viertel so passiert, ob man da noch reinpasst, wie lang man da noch sein will, steht da zumindest noch die grüne Bank am Kackdreieck. Für echte Menschen, mit echten Problemen.

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