Vom Starnberger See werde ich niemals genug bekommen!

© Anna Rupprecht

In Print-Zeitschriften gehört es dazu, dass der Herausgeber auf der ersten Seite die Stimmung, Meinung oder Richtung der jeweiligen Ausgabe einfängt. Warum gibt es das auch nicht online?, haben wir uns gefragt. Denn genauso schwirren jede Woche Gefühle, Stimmungen und Meinungen durch München, die wir zwar mitbekommen, aber nirgends festhalten. Diese Kolumne ist der Platz, an dem ich all meine Gedanken zu München und dem, was mir diese Woche in der Stadt begegnet ist, sammle. Heute: Starnberger-See-Liebe! 

Es ist eines der München-Klischees schlechthin: der Starnberger See. Gerne in Verbindung gebracht mit Segelschuhen, Polohemdchen und einem Glaserl Moët. All das gibt es am Starni und das darf auch gerne so bleiben. Was viele aber nicht auf dem Schirm haben: Münchens bekanntestes Seepferdchen im Stall kann auch leere Badeufer, alternative Biergärten und stinknormale Starnberger. Der See hat mehr zu bieten als Privatstege, schicke Restaurants und Gelfrisuren.

Münchens bekanntestes Seepferdchen im Stall kann auch leere Badeufer, alternative Biergärten und stinknormale Starnberger.

Und wer einmal seinen Lieblingsspot am Lieblingssee gefunden hat, der fährt nicht nur immer wieder genau da hin, sondern verrät ihn im besten Fall auch nicht weiter. Und so steige ich, sobald ich weiß, dass das Wetter gut wird, in den Zug Richtung Weilheim und bin in einer halben Stunde am hübschesten Postkartenausblick überhaupt. Schneller, als ich am Flughafen bin. Das sagt wahrscheinlich schon alles über München, Bayern und die Prioritäten hier: Schneller am heimischen See mit Bergblick als draußen in der Welt sein.

Alleine die Fahrt zum Starnberger See ist tiefe Meditation für mich. Vom wuseligen Hauptbahnhof im Zug, der mit jeder Station leerer wird, steige ich aus und bin gefühlt im Wald. Zumindest Wald für Stadtkinder. Ich laufe runter zum Wasser, im Sommer bin ich möglichst früh da, manchmal noch alleine, springe in den kalten See, der ganz still da liegt. Tauche meinen Kopf unter und höre gar nichts mehr von der Welt. Danach füllt sich das Ufer, aber der Blick bleibt unverändert gut: Leichte Wellen, glasklares Wasser, ein weißes Segelboot wie aus dem Bilderbuch und dahinter die Berge. Dieser Ausblick wird nie alt. Dieser Ausblick lässt Münchner bleiben.

Das sagt wahrscheinlich schon alles über München, Bayern und die Prioritäten hier: Schneller am heimischen See mit Bergblick als draußen in der Welt sein.

Und dieser Ausblick steht mittlerweile auch auf meinem Nachtkästchen. Kein Scheiß. Nach Sonnenuntergängen hier fahre ich zurück nach München und bin in einer Stimmung, die nur die Natur und insbesondere dieser Ort mit mir machen kann. Langsamer, gelassener, glücklicher. Kein einziger Gedanke, ein leerer Kopf. Aufgetankt. Bereit. Nicht abgelenkt, sondern total da und gleichzeitig entspannt-müde.

Ganz egal also, wie lange die Fahrt dauert, was das Ticket kostet, dass dieser Ort keine bequemen Annehmlichkeiten bietet – er ist jeden Besuch wert. Und ich werde immer und immer wieder kommen. Mit meinen Freunden, mit meinen Eltern, ganz alleine. Mit einer Zeitung, mit Musik im Ohr. Mit gar nichts. Und gucken, bis ich ganz schrecklich alt bin. Ich werde dasitzen und mich heilen lassen vom Starnberger See. Denn davon werde ich niemals genug bekommen.

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