Von Neukölln nach Untergiesing: München, du bist so angenehm uncool

© Anna Rupprecht

Spätestens, als unsere Autorin Johanna aus Neukölln mit dem Transporter in die neue Straße in Giesing einbiegt, ist ihr klar: Das hier wird anders. In ihrer Kolumne "Von Neukölln nach Untergiesing" schreibt sie nun jede Woche auf, wie sie München kennenlernt und welche Unterschiede ihr besonders auffallen. Was sie liebt (den V-Markt!), was sie hasst (kein günstiges Schawarma hier!) und warum München manchmal doch gar nicht so anders ist als Berlin.

So ein Leben in Neukölln hatte seine Vor- und Nachteile. Vorteile waren zum Beispiel: Alle kamen zu mir – in den trendigsten Bezirk Berlins – und ich musste ihn so gut wie nie verlassen. Es gab immer billiges Essen und Bier in Laufnähe. Es wurde nie langweilig. Außerdem hatte man das beruhigende Gefühl, im Nabel der Welt zu wohnen. Nachteile waren: Die Lautstärke, die Überfüllung, das ständige Gefühl, was zu verpassen – und dieses nervige Gefühl, nie wirklich cool genug zu sein.

Man könnte meinen, die Sonnenallee ist ein sieben Kilometer langer Catwalk.

Denn egal, wie sehr selbst der größte, vorherige „Problembezirk“ mit veganen Bowls und Matcha Lattes geflutet wird, wie viele 1000€-Kinderwägen den Schillerkiez entlang geschoben werden oder wie sehr sich die Mieten ans Münchner Niveau anpassen: Berlin versucht krampfhaft, sich sein „arm aber sexy“-Image zu bewahren. Das merkt man nirgends so deutlich wie in Neukölln: Man könnte meinen, die Sonnenallee ist ein sieben Kilometer langer Catwalk. Je fertiger, merkwürdiger, arm und sexy man aussieht, desto besser passt man sich dem Stadtbild an. Es ist schwierig, sich da nicht irgendwie unter Druck gesetzt zu fühlen: Denn während alle anderen zwar nicht wirklich arm, aber trotzdem sexy waren, war ich meistens nur arm, aber arm. Aktiv etwas daran geändert habe ich trotzdem nicht – passte mich aber anscheinend unbewusst doch etwas an.

In München cool zu sein ist so viel leichter!

Und so pflegte ich ein Dasein in nicht ausreichender Coolness in Neukölln, zog nach München – und war plötzlich fashionable. Mit meinem Mikropony und meinen schwarzen Klamotten war ich plötzlich irgendwie overdressed – oder underdressed? Es ist schwer zu sagen, jedenfalls fiel ich auf. Eine ganz neue Experience für mich. Was sich dann einstellte, war Entspannung: In München cool zu sein ist so viel leichter! Es passiert quasi von alleine, wenn man nur ein Minimum an Individualität an den Tag legt.

Nirgends spürt man die Abwesenheit von PR-Arbeit deutlicher als bei der in Power Point erstellten Anzeige für den Hundefriseursalon in Schwabing.

Es ist ein gewisser Pragmatismus, der München umweht: Cool sein – was soll das denn nützen? Das äußert sich auch im Stadtbild – und ganz besonders in der Werbung, die man in der Stadt sieht. Das ist eines der Dinge, die ich an München liebe: Denn in Berlin hat selbst der ursprünglich uncoolste Verein der Stadt – die BVG – eine hippe Werbeagentur am Start, die krampfhaft versucht, dem Unternehmen einen „arm aber sexy“-Stempel aufzudrücken. Die ganze Stadt wird verhandelt wie ein Unternehmen: Das Image wird um jeden Preis verteidigt.

In München dagegen herrscht ehrliche, uncoole, klassische Werbung à la „Kauft dieses Produkt – es ist sehr gut!“ vor. Die MVG, als Münchner Pendant zur BVG, hat beispielsweise die uncoolsten Werbeplakate, die man sich vorstellen kann – wie angenehm! Mein Favorit sind übrigens die Anzeigen von lokalen Unternehmen in den U-Bahnhöfen: Nirgends spürt man die Abwesenheit von PR-Arbeit deutlicher als bei der in Power Point erstellten Anzeige für den Hundefriseursalon in Schwabing.

Pragmatisch, praktisch, gut: München will der Welt und seiner Bevölkerung kein Lebensgefühl verkaufen. München ist einfach angenehm uncool – und cool damit.

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