Morgen ist heute auch bloß gestern – Warum mir Silvester egal ist

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Die menschliche Gefühlswelt ist unfassbar vielfältig. Das ist nichts Neues und spätestens seit dem exzessiven Talkshow-Konsum der Neunziger Jahre wissen wir auch, wie schnell sich diese Gefühle abwechseln können. Eben noch liebt man Ronny, dann hasst man ihn, will ihn nie wieder sehen und zwei Talkshows später hat man laut DNA-Test zwei Kinder mit ihm und der Lügendetektor sagt auch, dass die Sache mit Mandy einmalig war und man sich doch unfassbar liebt.

Ronny gibt es in meinem konkreten Fall zwar nicht und Kinder sind auch keine im Spiel, aber so oder so ähnlich kann man meine Beziehung zu Silvester über viele Jahre ziemlich treffend beschreiben. Ein ständiges Auf und Ab. Jedes Jahr aufs Neue diese Phasen der Planung voller Vorfreude und Spannung – unterbrochen von jenen Zeiten der totalen Abneigung, die irgendwann in echtem Hass gipfeln. Schuld daran immer: Übersteigerte Erwartungen an ein zutiefst unlogisches Fest.

Silvester ist doch nichts anderes als eine Erfindung der Kalenderindustrie. Und der Feuerwerkskörperindustrie. Und der Racletteindustrie. Und der Bleigießindustrie.

Also nicht, dass Feste irgendeiner Logik folgen müssten. Ganz und gar nicht. Aber dieser Wunsch, dass dieser Abend der tollste überhaupt werden soll – weil ja dann das Jahr zu Ende ist – macht doch überhaupt keinen Sinn. Das Einzige, was es macht: Stresspickel auf meiner sonst so zarten Babyhaut.

Silvester ist doch wie all diese anderen seltsamen Feste nichts anderes als eine Erfindung unserer kapitalistischen Gesellschaft – genauer gesagt der Kalenderindustrie. Und der Feuerwerkskörperindustrie. Und der Racletteindustrie. Und der Bleigießindustrie. Die hätten sonst nämlich so gar keine Daseinsberechtigung.

Aufgrund dieser schwer zu leugnenden Tatsachen fing ich an, Silvester immer weniger Bedeutung zuzuschreiben. Mich zu trennen. Wie bei einer „echten“ Beziehung muss man darauf achten, nicht wieder in die alten Muster zu verfallen. Da neigt man in melancholischen Stunden auch dazu, vergangene Zeiten zu glorifizieren. Aber genau dann muss man sich bewusst machen, dass Ronny, äh Silvester, ein ganz schönes Arschloch war. Ein Blender.

Seitdem verspüre ich gegenüber Silvester die vernichtendste Art aller Gefühle: Gar keine.

Dieser Vorgang endet im Idealfall in der ultimativen Einsicht, die – laut meinem Abreißkalender – ja der erste Schritt zur Besserung ist. Der einzige Weg aus der Silvester-Gefühlsachterbahn ist der komplette Ausstieg. Seitdem verspüre ich gegenüber Silvester die vernichtendste Art aller Gefühle: Gar keine.

Während sich alle, die nicht schon drei Jahre vorher eine Hütte in den Alpen gebucht haben, – mit Leuten, mit denen sie schon gar nicht mehr befreundet sind – Gedanken machen über das wo, was und mit wem und sich schwitzend mit einem: „Ach du, da machen wir uns jetzt keinen Stress. Alles ganz easy. Alles ganz spontan.“ selbst in die Tasche lügen, mache ich ganz einfach nichts.

Wenn ich nämlich sonst nichts kann, kann ich das dafür ziemlich gut. Sollte ich allerdings aus versehen über eine Party fallen, bin ich natürlich immer am Start. Aber das bin ich auch, wenn nicht Silvester ist.

Ach du, da machen wir uns jetzt keinen Stress. Alles ganz easy. Alles ganz spontan.

Falls ich bis zu diesem Punkt eventuell doch noch mit einer Zehenspitze irgendwie im Silvester-Achterbahnwagen war, steige ich spätestens bei den guten Vorsätzen komplett aus und zeige der ganzen Geschichte die kälteste Schulter seit dem Bofrost-Mann.

Irgendwie überlegt sich jeder, was denn im nächsten Jahr alles anders, neu, toll werden soll und steigert sich hinein in die Illusion des Zurücklassens, des Neuanfangs und der perfekten Feierei. Das Leben wird abhängig von einem Datum, das sich in der ewigen Zukunft befindet. In Wirklichkeit schiebt man damit sein Glück einfach vor sich her. Stichwort: Morgen-Diät.

Wer jetzt nun ein Motivations-Plädoyer fürs „Machen“, fürs „Hier und Jetzt“, fürs „Anpacken“ erwartet, der sollte an diesem Punkt stoppen und sich lieber den nächst besten GU-Lebensratgeber gönnen. Der lag ja eh unterm Weihnachtsbaum. Ich bin nämlich viel mehr dafür, sich nicht in datumsgebundene Vorsätze hineinzusteigern und dann rumzuheulen, dass man wieder nichts davon geschafft hat.

Luxus ist: Sich etwas vornehmen und dann einfach drauf scheißen.

Ich genieße lieber meine Aufschieberei immer weiter und vor allem ganz bewusst. Nehme mir am besten gar nicht erst das Geringste vor. Oder falls doch, nur Dinge, bei denen es eigentlich wurscht ist, ob man sie nun erledigt oder nicht. DAS ist Luxus. Sich etwas vornehmen und dann einfach drauf scheißen.

Henning May von AnnenMayKantereit würde eventuell einwenden: „Und du hältst deine Träume absichtlich klein, um am Ende nicht enttäuscht zu sein.“ Und ja, für mich in Sachen Silvester wahre Worte eines jungen, dürren Mannes mit der Stimme eines greisen Alkoholikers und Kettenrauchers, der regelmäßig Nägel frühstückt.

Aber bevor das hier jetzt komplett ausartet in eine kilometerlange Streitschrift der Gleichgültigkeit, führen wir uns zum Abschluss das absolute Silvester-Wurschtigkeits-Mantra zu Gemüte: Morgen ist heute auch bloß gestern!

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