Ganz der Baba #19: Alles, nur kein Fußballpapa!

© Marie Lechner

Wir schreiben den 20. Juni 1993. Ein kleiner, dicker Zehnjähriger sitzt um etwa zwei Uhr nachts mit einer Schüssel Smacks vorm Fernseher. Bevor nun die Spielplatzelite und Filzarmee der Dinkelultras gleich beim Jugendamt anruft: Der kleine dicke Junge bin ich und ich hatte meine Eltern tagelang angebettelt, das NBA Finale der Phoenix Suns gegen die Chicago Bulls zu schauen. Da mein Baba um diese Zeit ohnehin noch wach und in seinem Arbeitszimmer beschäftigt war, willigte Mama irgendwann ein.

Ach, die Bulls! Dennis Rodmann, Scottie Pippen und vor allem Michael "Air" Jordan. Meine Fresse, war ich Fan! Und so saß ich da mit meinem doch etwas zu engem Bulls Jersey mit der Nummer 23 und träumte davon, zu laufen wie Air, zu springen wie Air, die Zunge auf dem Weg zum Korb rauszustrecken wie Air. Okay, bei der Nummer mit der Zunge konnte ich mithalten, aber der Rest war wohl nicht mal eine lächerliche Kopie.

Dann sehe ich vor meinem inneren Auge, wie ich in Zukunft meine Samstage beim Fußballtraining mit Fußballjungs und Fußballpapas verbringe. Die Gespräche kreisen um Transfers, Abwehrketten und Autobahnausfahrten.

Heute, etwa 27 Jahre später, hänge ich nach einem Tag voller Malen, Kneten, Wäsche waschen, Rutschen, Aufräumen, Kochen und Sachen bauen, abends vor einer Folge der Michael Jordan-Doku "The Last Dance" und habe ein ganz warmes Gefühl im Bauch. Spätestens jetzt, aber allerspätestens beim nächsten Sneakerkauf ist klar: Ich bin Fan. Basketballfan.

Das führt unter anderem dazu, dass ich jedes Mal einen Schweißausbruch bekomme, wenn Teddy einen Ball vor sich hinlegt und ruft: "Mit Fuß!". Dann sehe ich vor meinem inneren Auge, wie ich in Zukunft meine Samstage beim Fußballtraining mit Fußballjungs und Fußballpapas verbringe. Die Gespräche kreisen um Transfers, Abwehrketten und Autobahnausfahrten. Ja, Autobahnausfahrten, denn ein gewisser Schlag Mann erzählt – warum auch immer – unfassbar gerne, wie er von A nach B gekommen ist. Allein der Gedanke daran:

Frage: Bin ich ein schlechter Baba, wenn ich keinen Bock auf Fußball habe? Dabei bin ich auf jeden Fall Typ "Mitrutschpapa", aber lange werde ich nicht mehr mitbestimmen können, wo es hingeht. So lange betreibe ich noch ein bisschen Zensur, indem wir mit dem Kinderwagen immer einen kleinen Umweg fahren, damit Teddy das Fußballtraining am St. Martins-Platz nicht sieht. Nicht, dass er das am Ende noch toll findet. Ich meine, wir hören doch schon Leo Lausemaus statt Lil Wayne und hängen auf Spielplätzen rum, anstatt auf Basketballcourts.

Aber hey, wir leben nun mal in Giesing. Teddy wird die Panzerknacker nicht aus den lustigen Taschenbüchern kennen, sondern von den 1860-Aufklebern auf Obergiesinger Ampeln. Bei gutem Wind hören wir die Zuschauer aus dem Sechzger-Stadion grölen. Trotzdem: Fußball befindet sich für mich am unteren Ende von Egal. Aber was bedeutet das für meinen Sohn? Wie weit darf ich in seinen persönlichen Interessenspool eingreifen? Ab wann überschreite ich die Grenze zwischen besorgtem Baba und nordkoreanischem Diktator.

Ist es moralisch verwerflich, einen kleinen Basketballkorb fürs Kinderzimmer zu kaufen, wenn es hauptsächlich eine Rettungsmaßnahme meiner zukünftigen Samstage ist?

Ist es moralisch verwerflich, einen kleinen Basketballkorb fürs Kinderzimmer zu kaufen, wenn es hauptsächlich eine Rettungsmaßnahme meiner zukünftigen Samstage ist? Versuchen wir nicht alle unseren Nachwuchs irgendwie nach unseren Vorstellungen zu formen ? Da werde ich doch wohl noch ein geschenktes Fußballtrikot ganz unten im Schrank verstecken dürfen. Michael Jordans Eltern hatten’s leicht, da war wahrscheinlich weit und breit kein Fußballverein in der Umgebung.

Letzten Samstag wechselte ich Teddys Windeln, während er mein T-Shirt musterte auf dem MJ zu sehen ist. „Ades?“ fragte er, was so viel heißt wie „ Wer oder was ist das?“. Auf meine etwas nervös-freudige Antwort, dass dies Michael Jordan sei, wiederholte er bedeutungsschwanger: „Meikl Sordn? Ball mit Hand!“. Nice, meine Samstage scheinen gerettet.

Weiterlesen in Leben
Sags deinen Freunden: