Ganz der Baba #25: Wenn dir nix mehr einfällt, gehst du ins Familienhotel

© Marie Lechner

Ich werde also gerade tatsächlich Fan von Instagram-Werbung. Einfach den Suchbegriff der Begierde öfter mal in die Suchleiste hacken und schon findet ein regelrechtes Produktcasting im Instafeed statt, bei dem sich verschiedenste Firmen um mein Geld bemühen. Ich komme mir dabei immer ein bisschen chefig vor.

Natürlich könnt ihr euch vorstellen, was der Werbealgorithmus für einen Account namens @ganzderbaba vorsieht. Stoffwindeln, Kinderwägen und Kleinkind-Nahrungsergänzung aus Erbsenprotein für gesundes Wachstum des Gehirns. Kein Scheiß, gibt es wirklich und angesichts der Lächerlichkeit des Produkts, finde ich es regelrecht enttäuschend, dass die Marketingabteilung den Erbsenhirn-Gag noch nicht gebracht hat.

Kurz gesagt: Wenn dir wirklich gar nix mehr einfällt, gehst du ins Familienhotel.

Die ambivalentesten Gefühle hege ich aber gegenüber Familienhotels. Für mich sind das die Indoorspielplätze der Urlaubsziele. Kurz gesagt: Wenn dir wirklich gar nix mehr einfällt, gehst du ins Familienhotel. Dabei habe ich keine Ahnung, wie es dort zugeht. Stinken diese Etablissements nach Plastik, Frittenfett und Kinderfüßen? Gibt es die mittlerweile vielleicht auch in schön?

Angesichts eines Bedürfnisses mal wieder gemeinsam zu verreisen und einer gewissen pandemiebedingten Einschränkung möglicher Überseeziele, schaute ich mir dann eines dieser Angebote genauer an. Es sah aus wie eines dieser Design-Boutique-Retreat-Hideaway-Resort-Hotels, in denen es in der Regel eher nach Lavendel-Raumduft als nach frittierten Kinderfüßen aus Plastik riecht.

Also, zackbumm. Was soll’s, gebucht. Fünf Nächte und ab dafür. Ich erwarte das Schlimmste, aber wie ich einst noch über Magic Mushrooms sagte: Man muss ja alles mal ausprobiert haben. Nun eben ein etwas anderer Trip, der aber zumindest verspricht, in Sachen Reizüberflutung ähnliche Ausmaße anzunehmen.

Teddy flitzt also unbehelligt durch die Gegend und kommt am Bällebad, das sich ebenfalls in der Lobby befindet, zum Stehen. Zieht euch das mal rein. Bällebad und Hotellobby. In einem Satz!

Auf uns warten ein Bällebad, drei Spielplätze, Außenpool, Hallenbad, Streichelzoo, zwölf Stunden Kinderbetreuung am Tag, drei Saunen, Massage und das Ganze auf 2100 Metern Höhe. Wow! Ich bekomme Schnappatmung bei dem Gedanken, dieses absurde Angebot in den nächsten fünf Tagen vielleicht nicht komplett auskosten zu können. Dem gegenüber steht die Entspannung, die man fühlt, wenn das Kind sich frei bewegen kann, ohne dass man es mit entschuldigendem Blick vor anderen Gästen und oder etwaigem Straßenverkehr fernhalten muss.

In der Lobby begrüßen uns kleine Echtholzlaufräder, die mindestens einen Designpreis gewonnen haben und Teddy fackelt nicht lang. Ein etwa Sechsjähriger hat mindestens genauso viel Bock, wird von seinem Vater aber abrupt aufgehalten: „Hannes, du darfst das Rad nur im vorgesehenen Bereich benutzen!“. Das klingt für mich nach einer frei erfundenen Regel und die überraschten Blicke des Personals scheinen mir recht zu geben. Teddy flitzt also unbehelligt durch die Gegend und kommt am Bällebad, das sich ebenfalls in der Lobby befindet, zum Stehen. Zieht euch das mal rein. Bällebad und Hotellobby. In einem Satz!

Seine Mutter verbietet es ihm in einem Ton, als hätte er den Ball vorher mit einer radikalen Botschaft versehen, angezündet und durch eine Scheibe gedonnert.

Ich atme durch, denn wenn Teddy in diesem Tempo weiter macht, war zumindest meine Sorge unbegründet, dass wir nicht das komplette Angebot auskosten werden. Mit dabei im Bällebad: Der circa 16 Monate alte Loris, der glucksend mit Bällen um sich wirft – zumindest bis seine Mutter es ihm verbietet. Und zwar in einem Ton, als hätte er den Ball vorher mit einer radikalen Botschaft versehen, angezündet und durch eine Scheibe gedonnert.

Derweil stellt sich mein Gedankenstrudel auf ON. Sind wir nicht streng genug mit Teddy? Ist er ungezogen? Müssen wir ihn mehr “erziehen“? Ist das Erziehung? Was ist Erziehung? Geil, Kaffee und Kuchen!

Wir setzen uns also an den uns zugewiesenen Tisch und beobachten, wie die vierjährige Elena von den vier apokalyptischen Reitern der leeren Elterndrohungen überrannt wird.

An sich ja die spießigste Mahlzeit ever, aber dann doch so einladend und furchtbar bequem wie eine Jogginghose aus Mürbteig. Wir setzen uns also an den uns zugewiesenen Tisch und beobachten, wie die vierjährige Elena von den vier apokalyptischen Reitern der leeren Elterndrohungen überrannt wird:

"Du gehst gleich auf dein Zimmer!"
"Es gibt keinen Nachtisch!"
"Wir können auch Heim fahren!"
"Keine Kinderdisco für dich!"

Zwei Gedanken bahnen sich ihren Weg in mein Gehirn. Erstens: Nice, es gibt noch Nachtisch nach dem Kuchen?! Zweitens: Ist doch klar, dass Klein-Elena nicht ruhig am Tisch sitzt, wenn sie vor einem Panoramafenster mit Blick auf einen absurd großen Spielplatz mit angrenzenden Streichelzoo (!) sitzt.

Ich checke es nicht. Fährt man nicht in ein Familienhotel, damit die Kinder auch einfach mal machen können, worauf sie Bock haben? Habe ich den Wettkampf verpasst, in dem es darum geht, das wohlerzogenste Kind zu präsentieren? Wollen die Kinder oder Zinnsoldaten? Glauben diese Leute, dass der Hoteldirektor sie rausschmeißt, wenn ein Ball aus dem Bällebad in der Hotellobby fliegt? Ich sag's nochmal: Bällebad IN DER Hotellobby. Oder sind die am Ende einfach nur machtgeil?

Eltern sein in einer Kinderdisco ist ein bisschen wie Segway fahren. Man kann dabei einfach nicht cool aussehen.

Beim Abendessen stellt sich bald eine allgemeine Unruhe im Raum ein, denn es scheint eine Kinderdisco zu geben. Tatsache. Auf der Terrasse wird eine Boombox aufgebaut, die bunte Lichter abfeuert, die meiner Meinung nach nicht ausreichend auf ein mögliches Hervorrufen eines epileptischen Anfalls getestet wurden. Bei den vielen Ansagen, wo welches Kind denn jetzt stehen soll, möchte man meinen, dass jeden Moment eine Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele beginnt.

Ich habe schon zwei Wein drin und bin milde gestimmt. Eltern sein in einer Kinderdisco ist ein bisschen wie Segway fahren. Man kann dabei einfach nicht cool aussehen. Teddy reiht sich zaghaft aber immer selbstbewusster in den Tanzkreis ein und wenn ich mir den Jungen so anschaue, sehe ich einfach nur pure Freude. Er hüpft und springt und dreht sich wild im Kreis. Scheiß auf Zinnsoldat. Wir haben einen Teddy.

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