11 Tage ohne Spezi – der schwerste Selbstversuch aller Zeiten

© Wiebke Jann

Was Leute nicht alles tun, um abzunehmen. Sie tragen Gerätschaften, die sie unter Strom setzen. Sie legen sich unters Messer. Sie rennen der aktuellen Diät hinterher, nur um danach vom Jojo-Effekt eingeholt zu werden. Da ist mir zu viel Mode dabei und gesund kann das auch nicht sein. Dann doch lieber nach dem Motto: Alles in Maßen. Allerdings muss mir da als Bayer die Skala verrutscht sein, denn wenn es um Softdrinks, speziell um Spezi, geht, trinke ich das Zeug eher literkrugweise als in kleinen Dosen. Und da ich während Corona immer weniger Sport getrieben habe, hat sich in den letzten Monaten ein kleines Wohlstandsbäuchlein gebildet.

Das ist natürlich kein Drama, manche Männer haben daraus ganze Karrieren gemacht, man denke nur an den großen Charly Hübner. Generell will ich mich hier auch nicht selbst fatshamen, aber man soll sich ja wohlfühlen im eigenen Körper. Und wenn der oberste Knopf schon vor dem Essen nicht zugeht, gibt es zwei Möglichkeiten: Andere Hosen kaufen oder sich gesünder ernähren. Da ich mich theoretisch gut ernähre, muss wohl die Softdrink-Sauferei dran glauben. Das wird nicht einfach. Was für andere Menschen Wasser, das ist für mich die Saftschorle. Wenn ich schlecht drauf, unterzuckert, verkatert bin – oder einfach Feierabend habe, gibt es ein Spezi. Und weil ich außerdem über wenig Selbstdisziplin verfüge, stecke ich mir ein realistisches Ziel: 11 Tage ohne Spezi und andere Softdrinks (Saftschorle inklusive).

1. Tag: Was ist schon dabei?

Seit ich meinen Hauptwohnsitz nach Berlin verlegt habe, ist das mit dem Spezi eh leichter beziehungsweise schwerer geworden. Zwar gibt es mein geliebtes Paulaner Spezi auch hier an jeder Ecke, aber meine Wohnung ist im fünften Stock, Altbau. Spezikasten da hochschleppen? Sehe ich nicht. So begibt es sich also am ersten Tag des Selbstversuchs, dass eh keine braune Limo in der Nähe ist. Praktisch. Die übrige Saftschorle trinkt meine Freundin und ich bin fein raus. Stellt sich eigentlich nur die Frage, was ich hier überhaupt tue. Ein erwachsener Mann, der einen Artikel darüber schreibt, ein paar Tage keine Limo mehr zu trinken. Das kommt mir gerade problematischer vor, als mal ein Glas Leitungswasser zu trinken.

2. Tag: Warum habe ich Saftschorlen noch mal dazugenommen?

Gut, es ist erst der zweite Tag, aber die Mittagspause ist gekommen und gegangen – und trotz deftiger Leberkassemmel hat mein Nervensystem nicht nach einem Spezi verlangt. Ich bin wirklich erstaunt. Hab ich die ganze Zeit Zuckerwasser in mich reingekippt, ohne es zu brauchen? Es ist ein schöner Tag, nach der Arbeit gehen wir noch zu einem Nudelladen. Die Bestellung ist einfach, es gibt nur drei Gerichte. Dazu vier Rhabarberschorlen und ein Bier. Das Bier ist nicht meins. Das fällt mir aber erst auf, nachdem ich die Hälfte der Schorle schon runtergezogen habe. Verflixt. Da hat der Feierabend einfach den Selbstversuch vergessen und der Automatismus direkt übernommen. Dann wohl zurück auf "Los!".

1. Tag (erneut): Jetzt ist Druck drauf

Plötzlich ist es viel schwerer. Fallhöhe, Leistungsdruck, Erwartung – egal, wie ihr das Ungeheuer nennen wollt, das seit heute in meinem Lustzentrum Platz genommen hat, es ist auf jeden Fall da. Plötzlich will, nein, brauche ich ein Spezi. Sonst bitte zumindest eine Traubenschorle. Wie war das mit den sieben Phasen der Trauer? Oder waren es fünf? Ach, ich kann mich nicht konzentrieren, mir fehlt der Zucker. Intravenös.

© Wiebke Jann

2. Tag (erneut): Rechnen ist nie gut

Als einziger aus meiner Schulclique, der nicht wegen den Sprachen, sondern wegen Mathe fast gestrauchelt wäre, waren mir Zahlen noch nie etwas. Jetzt bestimmen sie meinen Alltag. Auf der Autobahn oder dem Konzert, sobald man anfängt, die Minuten zu zählen, geht es danach niemals schneller voran. Ich habe jetzt Tag zwei, eigentlich ja Tag vier, und damit noch neun vor mir. Ein Wahnsinn. Bei 11 Tagen hat mein Gehirn zehn draus gemacht, das ging. Aber zwei plus zwei plus neun? Das ist ja fast ein halber Monat (13 Tage für alle weiteren Problemathiker). Ich muss verrückt geworden sein.

3. Tag: Allem Anfang wohnt ein Zauber inne

Das fühlt sich nach Fortschritt an. Das fühlt sich nach Zweites-Mal-Laufen-im-Jahr-aber-50-Meter-weiter an. So weit war ich beim ersten Versuch nicht. Mit dieser Aufbruchsstimmung schnappe ich mir zwei Literflaschen stilles Wasser und setze mich in den Zug nach München. Wie gesagt, Berlin hat auch Softdrinks, aber – ohne jetzt zu sehr auf dem Ratatouille-Moment rumreiten zu wollen – Spezi ist nun mal das Süßgetränk meiner Jugend. Und Bayern meine Heimat. Ich mache mir Sorgen. Bei einem Boule-Spiel im Hofgarten und einigen Drinks vom Schumann's verfliegen diese aber wieder. Wohl auch, weil ich den pappsüßen Negroni nicht auf meine Liste gesetzt habe.

4. Tag: Katertage sind Spezitage

Es war heiß gestern, es war verraucht, es waren zu viele von diesen verdammten Negronis. Auf dem Nachhauseweg noch sauber salzige Käsekrainer mit Pommes – und jetzt wache ich mit einem Kater von garfieldesker Statur auf. Übelkeit, Schädel und ein Mund so trocken, ich würde Ludwigs Königreich für ein Paulaner Spezi eintauschen. Was es noch frecher macht, im Kühlschrank meines Freundes liegt sogar eins. Außerdem eine Zitronenlimo und eine Apfelschorle. Was habe ich den lukullischen Göttern getan? Das ist ja so, als ob man dem abstinenten Raucher eine Kippe, einen Zigarillo und eine Zigarre auf den Tisch legt. Ich weiß wirklich nicht, wie ich diesen Tag überlebt habe, ich möchte auch wirklich nicht drüber nachdenken.

5. Tag: Vielleicht hätte ich lieber einen Alkohol-Selbstversuch machen sollen?

Warum höre ich auch nicht auf, zu trinken? Cocktails meine ich. Gestern habe ich einen kleinen bis mittelgroßen Abschiedsumtrunk veranstaltet, alle waren sie da, alle Fässer sind jetzt leer. Es hat 34 Grad und ich saufe gefühlt den ganzen Sylvensteinspeicher aus. In der Hoffnung, das Grundwasser möge ein bisschen braune Farbe und Zucker durch die Leitung mitschicken. Als jemand, der auch mal mit dem Kettenrauchen aufgehört hat, weiß ich, dass alles gut und fein ist, solange man nicht in eine Gelegenheit gerät, in der es sonst immer eine Kippe gab. Ich weiß gleichzeitig nicht, ob ich in meinem Erwachsenendasein schon jemals verkatert war, ohne ein eiskaltes Spezi zu trinken. Ehrlich. Es sind fürchterliche erste Male.

6. Tag: Es nervt

Bei anderen Süchten wie dem Rauchen oder dem Saufen erzählt Dr. Google, dass man die schlimmsten Entzugserscheinungen bereits nach dem fünften Tag hinter sich haben kann. Nun ist der kalte Spezi-Entzug bestimmt noch nicht so gut erforscht, daher erlaubt mir, mich hier als Patient Null anzubieten. Es ist jetzt der sechste beziehungsweise der achte Tag – und ich habe immer noch schlechte Laune. Da muss noch kein Kausalzusammenhang bestehen, aber meine Tiefs sind erschreckend oft von sehnsüchtigen Gedanken an das Getränkefach im Kühlschrank begleitet.

© Wiebke Jann

7. Tag: Ist das eine Schorle oder ein Silberstreif?

Ok, so langsam kriege ich es hin. Ob das am nahenden Ende liegt oder an der Tatsache, dass ich mich ungelogen ein bisschen frischer fühle, weiß niemand. Vielleicht war es auch einfach der Schock, kurz nicht mehr zu wissen, wie Spezi genau schmeckt. Was ich mir allerdings weiterhin sehr gut vorstellen könnte, ist eine naturtrübe Apfelschorle. Vielleicht gelingt es mir ja wie beim Rauchen. Gelegenheit macht Diebe. Und sonst gibt es eine lange Leitung. Voller Wasser.

8. Tag: Das Internet will auch noch mitmischen

Ich wache auf, rolle zur Seite, meine Freundin duscht wohl schon. Meine Gelegenheit, noch ein bisschen sinnlos durch Instagram zu glotzen. Irgendjemand ist wieder im Urlaub, laut der New York Times geht außerdem die Welt unter und dann eine Werbung. Für Limo. Und Cola gleich hinterher. Ob da jemand in den letzten Tagen ein bisschen zu viel über Softdrinks in sein Handy gesprochen hat? Das werden wir wohl nie erfahren. Meine Freundin erfährt allerdings nach ihrer Dusche, wie es ist, mit einem erwachsenen Mann zusammen zu sein, der sich weigert aufzustehen, weil er nicht noch einen Tag ohne Spezi erleben will.

9. Tag (eigentlich der 11.): Nächstes Mal gibt es Ersatzdrogen

Vielleicht war es auch einfach eine dumme Idee, zum Saisonstart mit den Softdrinks aufzuhören. Damit natürlich kein Sport gemeint, sondern der Sommer. Und damit die Saison der süßen Drinks. Wie der Winter die Saison der süßen Teilchen ist. Aber jetzt ist alles Eistee, frische Schorlen und fruchtige Drinks. Und, klar, ich könnte mir einen Cuba Libre nach dem nächsten reinstellen, aber so haben wir ja auch nicht gewettet. Stattdessen esse ich jeden Tag gefühlt drei Kugeln Eis. Ob das dem Bäuchlein so abträglich ist? Merke: Nächstes Mal starte ich die Abstinenz im Winter. Dann kann ich statt dem faden Wasser wenigstens Tee trinken. Wie langweilig ist farbloses Wasser einfach auch?

10. Tag: Es nimmt einfach kein Ende

Überall sterben Menschen, ich verzichte ein paar Tage auf Spezi, so schlimm ist es wirklich nicht. Aber so langsam nervt mich die ganze Thematik mehr als der Verzicht selbst – so wie euch wahrscheinlich, dieser "Artikel" hat jetzt schon 14 Absätze. Who cares? Und warum care ich eigentlich? Hätte ich mir das nicht sparen können? Mit einem Spezi oder einer Saftschorle ab und an bin ich ja immer noch gesund unterwegs. Aber gleichzeitig so viel besser gelaunt. Ich weiß nicht, ob es an einer Sucht liegt oder daran, dass ich ein verzogenes Überflussbürschchen bin – aber wenn es ein Gut gibt, das ich haben möchte und mir problemlos leisten kann, dann verstehe ich nicht, warum ich es nicht kaufen sollte. Deshalb erstehen Scheichs wohl auch Fußballvereine. Oh Gott, jetzt wird das hier noch konsumkritisch.

11. Tag: War es das wert?

Ich hätte nie gedacht, dass ich hier ankommen würde. Einmal, weil ich nie gedacht hätte, dass ich so einen Versuch unternehmen würde. Und zweimal, weil ich währenddessen sowohl gescheitert bin als auch aufgeben wollte. Aber jetzt sind wir hier. 11 Tage ohne Spezi und sonstige Zuckersäfte. Ich fühle mich nicht wirklich besser, eher angestrengt. Und ich habe immer noch dringend Lust auf einen Softdrink. Was ich aber mitnehme, ist die Erkenntnis, dass man Spezi auf jeden Fall dosieren kann. Und, dass ein paar Tage ohne Saftschorle schon gehen. Aber nicht 11!

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