Vergnügte Viertel: Schwabing damals und heute

München besteht aus insgesamt 25 Stadtbezirken, in denen wiederum oft mehrere Stadtteile zusammengefasst sind. Logisch, dass das nicht immer so war, schließlich hat sich die Stadt in den letzten 860 Jahren seit ihrer Gründung ordentlich verändert. Wie genau, das wollen wir euch in dieser Serie "Vergnügte Viertel" vorstellen die einzelnen Viertel historisch beleuchten und gucken, wo man sich hier heute vergnügen kann.

Beginnen wir doch gleich mal mit der Kategorie Unnützes Wissen: Vielleicht habt ihr es schon erahnt und ja tatsächlich, Schwabing heißt Schwabing wegen eines Schwaben! Bereits im Jahr 782 wurde "Suuapinga", was in der Übersetzung "Siedlung eines Schwaben" heißt, erstmalig erwähnt. Damit ist Schwabing auch viel älter als München selbst. Zur Erinnerung: München wurde erstmals 1158 urkundlich erwähnt.

Vergnügte Viertel München damals
© Luestling~commonswiki | Wikimedia Commons Public Domain

Die altersmäßige Überlegenheit hat Schwabing dennoch nicht zur ewigen Eigenständigkeit verholfen. 1887 wurde Schwabing noch zum Dorf ernannt, aber nur drei Jahre später durch die Landeshauptstadt eingemeindet.

Damals: Milchbauern und Fischer

Wie so viele Vorstädte rund um den Stadtkern, war auch Schwabing anfangs ein Dorf, in dem die Menschen vor allem von Landwirtschaft lebten. Dass es sich hier gut aushalten ließ, erkannten ab dem 18. Jahrhundert auch reiche und adlige Familien aus dem Münchner Stadtkern und begannen dort Schlösser und Gärten für die Sommerfrische zu errichten.

© The British Library | Flickr gemeinfrei

Dadurch verschwand immer mehr landwirtschaftlich genutztes Land, was durch den Bau des Englischen Gartens 1789 auf die Spitze getrieben wurde. Nach und nach löste die Industrie die Landwirtschaft ab, 1837 entstand schließlich eine Maschinen- und Lokomotivfabrik. Durch den wirtschaftlichen Boom und die erhöhte Nachfrage an Arbeitsplätzen wuchs das Dorf rasant und in kurzer Zeit wurden tausende von Mietshäusern gebaut. Von den vielen Altbauten profitiert der Stadtteil noch heute.

Künstler und Intellektuelle: Schwabings goldene Ära

Immer mehr entwickelte sich Schwabing in dieser Zeit zum Künstler- und Intellektuellenviertel. Ein Grund dafür war die Eröffnung der Universität und der Kunstakademie 1840, auch wenn beide eigentlich in der Maxvorstadt liegen.

Maler, Literaten, Journalisten und andere Kreative wurden vom Laissez-faire und den günstigen Mieten angelockt. Schriftsteller wie Thomas Mann oder Bertolt Brecht haben hier Jahre ihres Lebens verbracht und sich in Institutionen wie dem Alten Simpl getroffen, obwohl der ja streng genommen ebenfalls zur Maxvorstadt gehört.

Der hat seinen Namen übrigens vom Simplicissimus – der satirischen Wochenzeitschrift der damaligen Zeit. Zu den Autoren gehörten eigentlich alle wichtigen Schriftsteller, die sich wiederum im Simpl zum Austausch trafen, wie zum Beispiel Frank Wedekind, Ludwig Thoma, Thomas Mann oder auch Erich Kästner. Dadurch wurde der Simpl so etwas wie der Mittelpunkt der Bohème und ist heute noch stadtbekannt.

© Alter Simpl

Dem lockeren Leben wurde durch die Machtübernahme der Nazis ein jähes Ende bereitet, viele Intellektuelle mussten fliehen oder wurden ermordet. Dennoch schaffte Schwabing es, nach dem Krieg nochmals aufzublühen. Die verbliebenen Literaten und Künstler siedelten sich wieder an, es entstand eine Bühne für politisches Kabarett und Widerstand. Der Höhepunkt waren die Schwabinger Krawallen 1962.

Die wilden 60er und 70er: Pink Floyd und das Schwabylon

Kaum mehr vorstellbar, aber in den 60er und 70er Jahren waren die international begehrtesten Clubs vor allem in Schwabing: Wo heute die Schauburg am Elisabethmarkt ist, eröffnete 1967 das Blow Up – die erste Großraumdisco Deutschlands, in der Jimi Hendrix seine ersten Live-Auftritte in der Republik hatte und auch Pink Floyd spielten hier im November 1968.

In der Leopoldstraße eröffnete in den Swinging Sixities um 1963 das Tanzlokal Big Apple. Uschi Obermaier schrieb in ihrem Buch High Times. Mein wildes Lebenüber den Club, der 1975 schloss: "Wenn ich einen Abend nicht im Big Apple war, dachte ich, ich hätte den Lauf der Welt verpasst."

Währenddessen am Kurfürstenplatz: Offiziell Piper Club, inoffiziell "Joint" hieß der Club, der seinem Name alle Ehre machte. Hier konnte man direkt im Eingangsbereich so alles kaufen, was das Herz begehrte – von Gras bis Heroin. Nach nur drei Jahren wurde der Club vom KVR aufgelöst, das Piper gab es von 1971 bis 1974.

Passend zu dieser bunten Zeit baute Architekt Justus Dahinden 1973 das 160 Millionen DM teure Schwabylon – ein "Einkaufs- und Vergnügungszentrum", wie es offiziell hieß. Der außergewöhnliche Bau war allerdings nicht nur für seine Architektur (keine Fenster und statt Treppen gab es nur Rampen) bekannt, sondern auch für sein nicht weniger buntes Innenleben.

Neben Büros, Wohnungen und Ateliers beherbergte das Schwabylon hundert Läden, zwölf Restaurants, einen Biergarten, eine Spielhalle. Außerdem ein Kino, Solarium, Schwimmbad, eine Eislaufhalle (!), eine Sauna und Therme. Am abgefahrensten war allerdings wahrscheinlich der Club nebenan, das Yellow Submarine. Die Diskothek war wie ein riesiges Aquarium – in 600.000 Litern Wasser schwammen über 30 Haie.

Schwabylon & Citta 2000: So bunt war Schwabing früher
© Justus Dahinden | gemeinfrei

Doch das futuristische Einkaufszentrum war seiner Zeit leider weit voraus, denn so richtig warm wurden die Münchner mit dem außergewöhnlichen Gebäude nicht. Knapp ein Jahr später stand es schon wieder so gut wie leer.

Die 80er Jahre: Bussi Bussi

Das Schwabylon scheiterte zwar, die 70er und 80er waren aber dennoch wild und bunt in Schwabing. Spätestens durch Serien wie den Monaco Franze und Kir Royal wird Schwabing auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für seine Schickeria und Bussi Bussi-Gesellschaft. Schampus, Koks und wilde Parties regieren das Viertel. In ist, wer drin ist und das waren hauptsächlich Promis und Leute mit viel Geld.

Doch spätestens nach der Wiedervereinigung und der Berliner Strahlkraft, die alles andere in den Schatten stellte, waren die besten Zeiten in Schwabing vorbei. Auch wenn der Schickeria-Begriff immer wieder herhalten muss, verglichen mit damals, geht es inzwischen wirklich ruhig und anständig zu in Schwabing.

Heute: Verblasste Bohème und perfektionierte Gentrifizierung

Nach wie vor ist Schwabing beliebt. Die Mieten sind hoch, die Häuser fein renoviert, die Gastro-Dichte gut, das Shopping-Erlebnis ebenfalls und die Nähe zum Englischen Garten unschlagbar.

Dennoch hat Schwabing ein bisschen seiner Anziehung verloren. Wahrscheinlich gibt es kaum einen anderen Stadtteil, der bereits so früh zum Prototyp der Gentrifizierungsspirale wurde: Nach den Künstlern kommen die Cafés, die ziehen Yuppies und Hipster an, die Mieten steigen und irgendwann wird das Viertel langweiliger, weil der eigentliche Grund zum Herziehen längst verschwunden ist.

Elisabethmarkt
© Munich Z
Schwabing
© Munich Z

Heute wohnen rund 77.000 Menschen in Schwabing. Angesichts der mehr als 2500 Hektar, über die sich der Bezirk erstreckt, gibt es hier für jeden Bewohner verhältnismäßig viel Platz. Der Anteil der Single-Haushalte bewegt sich fast im Münchner Durchschnitt, auch das ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass alles ein bisschen solider ist als zum Beispiel in der benachbarten Maxvorstadt oder dem Glockenbachviertel.

Und trotzdem allem und bleibt Schwabing ein bisschen magisch: Die Jugendstil-Fassaden, der Elisabethmarkt, die vielen Parks und kleinen Theater machen es hier einfach wahnsinnig lebenswert – auch, wenn die besten Zeiten vielleicht vorbei sind, aber wo währen die schon ewig!?

Vergnügte Fakten

ESSEN

Sensationell brunchen im La Bohème | Bei Kaffee und Kuchen Leute beobachten im Occam Deli | Alpin schlemmen im Savoy | Ein Hauch von Italien in der Seerose | Auf ein Feierabend-Bier ins Trumpf & Kritisch | Cappuccino trinken auf der Sonnenterrasse vom Caffe Conte | Avocadobrot frühstücken im süßen Café Franca | Sich wie ein Schwabinger fühlen im Tagescafé Schwabing | Currywurst essen im Alles Wurscht-Biergarten | Besten Fisch bestellen in der Salzkruste | Wunderschön draußen sitzen im Arts n Boards

TRINKEN

Tiki Drinks und Cocktail-Bowls in der neuen Mynah Bar | Spanisches Ess- und Trinkkultur im Bodeguita | Günstig trinken und kickern in der X-Bar | Boazn-Feeling im Jennerwein genießen | Richtig gute Drinks im Call Soul bestellen

DRAUSSEN

Über den Elisabethmarkt schlendern | Den ganzen Tag im Englischen Garten verbummeln | Den Massen im Luitpoldpark entkommen | Altbauten gucken rund um die Georgenstraße

SHOPPEN

Skandinavische Labels shoppen im Zentgraf | Bunte Schätze finden im Friede+Stern | Yoga-Kram und Naturkosmetik im Store Galore kaufen | Nachhaltige Mode im Dear Goods shoppen

KUNST

Theater im Heppel & Ettlich | Filme gucken in kleinen Kinos wie im Monopol | Live-Bands und Kleinkunst im Salon Irkutsk | Kabarett gucken im Lach- und Schießgesellschaft

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