Zwischen Chaos & Chance – wie geht die Gastro mit der Coronakrise um?

Die aktuelle Situation macht uns allen zu schaffen. Aber wie geht es gerade eigentlich dem liebsten Café, dem Restaurant das neu eröffnen wollte, der alteingessenen Kneipe um die Ecke? Als am 16. März der Katastrophenfall in Bayern ausgerufen wurde, haben wir uns für euch in der Münchner Gastro-Szene umgeschaut und zusammen getragen, wie verschiedene Läden mit der Situation umgehen. Jetzt, einen guten Monat später, haben wir nochmal genauer bei den Betreiber*innen nachgefragt.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf sie aus? Welche Erfahrungen haben sie in den letzten Wochen gemacht? Haben sie trotz Ausnahmezustand Hoffnung für die Zukunft? Da war die Rede von Unsicherheit, von fehlenden Einnahmen und Existenzängsten. Aber eben auch von über Nacht aufgezogenen Onlineshops und gut funktionierenden Delivery-Konzepten, Hoffnung für die Zukunft und Zusammenhalt unter Nachbar*innen. Wir haben ein paar Statements zwischen Chaos und Chance für euch gesammelt!

Salon Irkutsk – Von der Eckkneipe zum Pelmeni Express & Cocktail Lieferservice
Salon Irkutsk Pelmeni Express
© Salon Irkutsk

Daniel Richter – Betreiber Salon Irkutsk

Daniel, wie erlebst du die aktuelle Situation in der Corona-Krise? 

Revolutionäre Veränderungen sind immer erstmal ein Schock – von Hundert auf Null runter zu fahren, verunsichert einen schon. Da die Situation aber ja schon eine Weile vorhält, stellt sich langsam wieder ein Alltagsgefühl ein. Monetär kann es so natürlich nicht ewig weitergehen, wird es zum Glück aber auch nicht.

Welche Maßnahmen habt ihr im Salon Irkutsk ergriffen, um trotz der Beschränkungen weiter arbeiten zu können? 

Wir haben aus dem Salon Irkutsk kurzerhand den "Pelmeni Express" gemacht und verkaufen unsere russischen Teigtaschen jetzt kontaktlos durch unser Laden-Fenster – Window-Shopping quasi. Viele Nachbarn aus dem Viertel kommen jetzt zum Essen her. Manche wussten nicht, dass wir im normalen Betrieb neben Drinks auch leckeres Essen anbieten und probieren die Pelmeni jetzt zum ersten Mal. Außerdem bieten wir einen Cocktail-Lieferservice an, der häufig von Chat-Gruppen gebucht wird. Wir beliefern die jeweiligen Teilnehmer zu Hause, am Abend genießen sie den Cocktail dann gemeinsam virtuell!

Wie fühlst du dich mit Blick auf die kommenden Wochen? 

Ich denke es ist wichtig, auch in Krisenzeiten den Kontakt zu seinen Gästen nicht zu verlieren. Das gelingt uns durch den Pelmeni Express und unseren Cocktail Lieferservice ganz gut. Natürlich hoffen wir aber trotzdem, dass das Virus bald so unter Kontrolle gebracht wird, dass man dem allgemeinen Hang zur Geselligkeit wieder nachgehen kann!

Forza Napoli – Neapolitanische Pizzen helfen durch schwere Zeiten

© Ida Heinzel

Marius Gebbing – Co-Betreiber Forza Napoli

Marius, wie erlebt ihr die aktuelle Situation in der Corona-Krise? 

Wir bekommen momentan sehr viele positive Rückmeldungen für unsere Pizza und unseren Einsatz. Darüber freuen wir uns natürlich riesig, da es aktuell nicht immer einfach ist alle Zutaten zu bekommen. Gefühlt sind die Menschen dankbarer geworden und freuen sich mehr auf eine leckere Pizza und genießen sie wahrscheinlich bewusster als sonst. Wir erleben sehr viel Rücksichtnahme beim Bestell- und Abholprozess im Laden. Die Menschen passen auf sich auf, auch wenn bei einigen eine gewisse Anspannung zu bemerken ist.

Leider ist der Andrang teilweise so groß gewesen, dass wir frühzeitig ausverkauft waren. Das ist natürlich toll für uns, aber da hat es auch schon traurige Gesichter gegeben. Wir arbeiten gerade an einer Lösung die Kapazitäten auszuweiten. Wir würden uns allerdings wünschen, dass Nachbar*innen und Menschen, die in naher Umgebung zum Forza Napoli wohnen, auf die Lieferung verzichten und ihre Pizza schnell selbst abholen. Dann wäre mehr Kapazität für Lieferungen an ältere oder kranke Menschen. Als kleiner Tipp: Die Abholung im Laden geht sowieso viel schneller als die Lieferung!

Welche Maßnahmen habt ihr im Forza Napoli ergriffen, um trotz der Beschränkungen weiter arbeiten zu können? 

Unser Konzept war und ist ja grundlegend auf Abholung und Lieferung ausgelegt. Daher mussten wir zum Glück nicht viel ändern. Wir haben lediglich unseren großen Tisch entfernt und ein paar Absperrbänder sowie Hinweisschilder aufgestellt, dass sich nur zwei Kund*innen gleichzeitig im Laden aufhalten dürfen. Außerdem haben wir mehr Fahrer für die Lieferungen engagiert. Was uns total gefreut hat: Die Mutter einer Kundin hat uns Mundschutz-Masken genäht, sodass wir uns als Team und die Kund*innen noch besser schützen können. Dafür sind wir super dankbar.

Wie fühlt ihr euch mit Blick auf die kommenden Wochen? 

Wir gehen positiver Dinge in die nächsten Wochen. Solange die Lieferketten nicht völlig zusammenbrechen und wir alle gesund bleiben werden wir unser Bestes geben, viele Pizzen zu backen und hoffentlich einigen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Alles in allem sind wir bislang gesund und glücklich durch die Krise gekommen und konnten sogar drei neue Mitarbeiter einstellen.

süßmund – mehr Chance als Krise durch Onlineshop, Take Away & Zusammenhalt

© Nina Vogl

Liebes süßmund-Team, wie erlebt ihr die aktuelle Situation in der Corona-Krise? 

Generell finden wir bemerkenswert, wie angstdominiert unsere Politik ist, wie einfach sich die Leute durch eine plötzlich total gleichgeschaltete Berichterstattung manipulieren lassen und überhaupt: wie wenig das Hirnkastl eingeschaltet wird! Im Detail denken wir im süßmund nicht über Krisen nach, sondern über Chancen. So platt das klingt: Take Away war nie ein Thema für uns, aber jetzt gibt es eben für uns die Möglichkeit, uns einem breiteren Publikum zu präsentieren. Wir sehen das so: im Moment haben wir keine Sitzplatzgrenze. Jammern und auf Hilfe von oben hoffen entspricht nicht unserem Unternehmergeist. Ein Unternehmer ist jemand, der was unternimmt.

Welche Maßnahmen habt ihr im süßmund ergriffen, um trotz der Beschränkungen weiter arbeiten zu können?

Als Maßnahme haben wir sehr schnell mit bleibdahoam.de einen Onlineshop ins Leben rufen dürfen. Der bietet nicht nur uns eine Plattform, sondern mittlerweile auch schon einigen anderen Läden. Wichtig für uns ist dabei Zusammenhalt und Netzwerk statt Konkurrenz. Wir haben das Gefühl, dass das auch viele unserer Kund*innen so sehen. Dadurch sehen wir uns für die Zukunft auch ganz gut aufgestellt.

Gans am Wasser, Gans Woanders & Café Lozzi – Spendenaufruf, Hilfe für andere & der Wunsch nach einem absehbaren Ende

Café Gans am Wasser
© Café Gans am Wasser

Julian Hahn – Gründungsmitglied des Kulturvereins Wannda e.V., Betreiber Café Gans am Wasser & Café Lozzi, baut gerade gemeinsam mit Florian Jund und Philipp Behringer das Hexenhaus "Gans Woanders" in Giesing auf. 

Julian, wie erlebt ihr die aktuelle Situation in der Corona-Krise?

Durch die aktuelle Krise sind wir sehr betroffen, da alle unsere Projekte vom öffentlichen Leben getragen werden und Treffpunkte und gemeinschaftliches Zusammensein eine zentrale Rolle spielen. All das ist nun untersagt. Ungünstiger hätte uns die Krise nicht treffen können, da wir als sehr junger Betrieb und kurz vor der Fertigstellung des Hexenhauses "Gans Woanders" keine Rücklagen bilden konnten und das Wegbrechen der meisten Tageseinnahmen ein absehbares Ende für uns bedeutet.

Welche Maßnahmen habt ihr ergriffen, um trotz der Beschränkungen weiter arbeiten zu können und eure Projekte am Laufen zu halten?

Das Café Gans am Wasser haben wir wieder im To go Betrieb eröffnet, die Seele des Gans am Wasser lebt aber nicht durch den Verkauf von Waren. Es geht um den Ort und das gemeinschaftliche Erlebnis, ein Bühnenprogramm, ein Workshop und das Beisammensein. Das fehlt uns sehr.

Da die Soforthilfen nicht ausreichen, um unsere Projekte zu retten, haben wir auf unserer Website www.ganswoanders.de einen Spendenaufruf gestartet. Der Support ist riesig und wir haben bereits 15.000 Euro Spenden gesammelt.

Aber nicht nur wir brauchen Hilfe! Da sehr viele ältere Menschen unser Café besuchen, haben wir das "Gans Plauderhaft" Telefon eingerichtet, bei dem jeder anrufen kann, der einsam ist. Außerdem ist gleich neben unserer Baustelle vom Gans Woanders ein Wohnheim für Obdachlose. Da viele Tafeln geschlossen haben, haben wir einen Gabenzaun eingerichtet, bei dem jeder etwas für bedürftige Menschen hinterlassen kann.

Wie fühlt ihr euch mit Blick auf die kommenden Wochen? 

Jeder kann sich auf eine Krisenzeit einstellen und jeder kann irgendwie über die Runden kommen, wenn es sich um einen planbaren Zeitraum handelt. Am meisten Sorgen bereitet uns, dass wir nicht abschätzen können, wann wieder Normalität einkehrt. Trotzdem sind wir überwältigt von der gegenseitigen Unterstützung und hoffen, dass wir schon bald gemeinsam auf der Gans Woanders Terrasse in den Bäumen sitzen können.

Café Kosmos – Vorfreude, Optimismus und ein Kunst-Livestream aus dem Schaufenster

© Nina Vogl

Florian Schönhofer – Betreiber Café Kosmos

Florian, wie erlebt ihr die aktuelle Situation in der Corona-Krise?

Eigentlich leben wir immer mit sehr vielen Leuten auf sehr kleinen Raum im Café Kosmos und natürlich fehlt uns das. Aber wir freuen uns schon sehr darauf, wenn sich die Situation wieder normalisiert und es fühlt sich so an als könnten wir dann wieder frisch bei Null starten. Total spannend, ehrlich gesagt. Puh, die werden trinken und knutschen!

Das Café Kosmos ist ja leider seit einer Weile zu, was macht das Kosmos Team denn jetzt? 

Wir haben uns überlegt wer auch richtig Stress mit der Situation hat und nutzen jetzt unsere Schaufenster um Künstler*innen ein Forum und ein Einkommen zu geben. Diese Aktionen streamen wir. Selbstverständlich verdienen wir damit kein Geld, wir wollen aber so das Beste aus der Zeit machen und uns im Gespräch halten. Irgendwie haben wir das Bedürfnis gute Laune und Optimismus zu verbreiten. Letztlich sind wir kein Getränke Delivery Service.

Wie fühlst du dich mit Blick auf die kommenden Wochen?

Optimistisch für den Herbst! Wahrscheinlich gibt's das erste Mal in 14 Jahren kein Lederhosen Verbot zum Oktoberfest...

Dr. Drooly – weggebrochene Aufträge, verzögerte Eröffnung und Fokussierung auf die wichtigen Dinge

Dr. Drooly Vegan
Dr. Drooly

Jana und Salvatore Stacca – betreiben das Catering-Konzept The Plant Kitchen und wollten bald ihr veganes Restaurant Dr. Drooly am Goetheplatz eröffnen. 

Liebe Jana, lieber Salvatore, wie erlebt ihr die aktuelle Situation in der Corona-Krise? 

Einerseits wurde unser Leben bereichert durch eine Pause zum Durchatmen und für die Planung von Dr. Drooly, für die wir sonst mit unserem Catering wenig Zeit gefunden hätten. Andererseits haben wir auch Angst und machen uns Sorgen, da die Einnahmen von The Plant Kitchen eigentlich einen Großteil der Umbaukosten für Dr. Drooly decken sollte. Die Catering-Aufträge sind seit Anfang März allerdings vollständig weggebrochen. Für unser Projekt Dr. Drooly haben wir sämtliche Ersparnisse verwendet und einen Kredit aufgenommen.

Insgesamt versuchen wir aber, das Beste aus der Situation zu machen und die uns bietenden Vorteile zu nutzen anstatt in Sorgen zu versinken. Wir schätzen unsere privilegierte Situation mit einem schönen, sicheren Zuhause sehr und richten unser Augenmerk eher auf die Menschen, die mit viel größeren Problemen und Gefahren konfrontiert sind.

Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf euren Umbau und die Eröffnungspläne aus? 

Direkte Auswirkungen sind zum Beispiel, dass wir viele Bestandteile unserer geplanten Kücheneinrichtung in Italien bestellt haben und jetzt nicht wissen, ob und wann sie geliefert werden kann. Verzögerungen gibt es auch beim Umbau, da Handwerker und Baumaterial (noch) momentan noch schwieriger zu bekommen sind als sonst. Mit der Eröffnung müssen wir bis nach den Ausgangsbeschränkungen warten, jetzt einen Lieferservice für ein Restaurant einzurichten, das noch keiner kennt, ist eher schwierig. Wann wir letztlich eröffnen können, ist noch sehr ungewiss.

Wie fühlt ihr euch mit Blick auf die kommenden Wochen?

Gefühlsmäßig schwanken wir zwischen Sorge und Optimismus hin und her, wir versuchen aber die Positivität überwiegen zu lassen!

sweet spot kaffee – ein schneller Onlineshop und eine gut genutzte Auszeit

Sweet Spot Café Viktualienmarkt
© Ida Heinzel

Markus Pyttel – Betreiber sweet spot kaffee

Markus, wie erlebst du die aktuelle Situation in der Corona-Krise? 

So ganz persönlich betrachtet ist die Situation für uns alle natürlich genau so komisch und bedrückend wie für alle anderen auch. Aber wenn wir eine globale Pandemie in den Businessplan hätten einrechnen müssen (haben wir nicht), hätten wir uns kein besseres Timing aussuchen können: Wir hatten einerseits sechs Monate Zeit, uns selbst und der Welt zu beweisen, dass sweet spot Kaffee funktioniert, und andererseits sind wir als Unternehmen noch jung und schlank genug, dass die Fixkosten sich im Rahmen halten. Zudem ist zum Beispiel die Theke am Fenster noch ein in der Nacht vor Eröffnung aus Dachlatten zusammengeschraubtes Provisorium unter vielen anderen, die wir jetzt endlich mal in Ruhe durch dauerhafte Lösungen ersetzen können. Also machen wir das Beste aus der Krise.

Welche Maßnahmen habt ihr im sweet spot kaffee ergriffen, um trotz der Beschränkungen weiter arbeiten zu können?

Zunächst haben wir den kompletten Restbestand binnen weniger Tage per Instagram-Direktnachrichten und unter dem Hashtag #sweetspotathome verkauft und mit dem Fahrrad an über 100 Adressen ausgeliefert. So konnten wir den schönen Kaffee vor dem Verderben und unsere treuen Kunden vor schrecklichem Supermarktkaffee retten – also ebenfalls dem Verderben. Um auch dieses schnelle Provisorium durch eine vernünftige Dauerlösung zu ersetzen, die auch nach Corona noch Sinn macht, starten wir auf www.sweetspotkaffee.de gerade vier verschiedene Online-Kaffee-Abos – vom einfachen Kilo von unserer fantastischen brasilianischen Hausmischung bis hin zu kritisch kuratierten Spinnerkaffees von Europas besten Röstern, die wir ab sofort laufend neu zusammenstellen und alle zwei, vier oder sechs Wochen (oder auch nur einmal) an euch verschicken, je nachdem, wie viel Kaffee ihr daheim derzeit so braucht.

Wie fühlt ihr euch mit Blick auf die kommenden Wochen?

Nach wie vor unsicher und nervös, aber irgendwo auch optimistisch und aufgeregt. Wir hoffen, unsere Abos kommen gut an und werden dann natürlich auch Möglichkeiten einer phasenweisen Wiedereröffnung prüfen. Wie gesagt, wir sind noch ein junges Unternehmen und als solches nicht in jahrelang gewachsenen Strukturen gefangen. Je nach offiziellen Vorgaben gibt es vielleicht schon bald zumindest wieder Kaffee zum Mitnehmen bei uns, ohne dass ihr den Laden überhaupt betreten müsst. Aber erstmal hoffen wir, alle bleiben gesund und zu Hause und der dort gebrühte Kaffee schmeckt. Bei Fragen meldet euch gern – wir haben gerade Zeit!

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